BRAUNSCHWEIG / Kath. Pfarrkirche St. Aegidien / Äußeres
Kath. Pfarrkirche St. Aegidien, ehem. Klosterkirche. Dreischiffige, vierjochige Hallenkirche mit Querhaus und mit einjochigem
basilika- len Umgangschor mit 5/ss-Schluß; zwischen den nach innen gezogenen Strebepfeilern ein Kranz von 7 flachen Rechteckkapellen. Baugeschichte. Grabungen 1937 und 1947/48
erwiesen als Vorgängerbau eine dreischiffige, vielleicht querhauslose Basilika mit östl. Dreiapsidenschluß im Bereich des heutigen Querhauses. Durchlaufende Mauerfundamente
deuten auf eine urspr. Abtrennung der Chorseitenräume vom Hauptchor, dienten aber vielleicht nur als Chorschrankenfundamente. Die Ausdehnung des Langhauses entsprach der
gotischen Halle, deren Pfeiler auf kleinen Fundamenten älterer Langhausstützen ruhen (sächsischer Stützenwechsel nicht erwiesen). Der erstaunlich weiträumige Bau — wenn
wirklich querhauslos — in der Grundrißkonzeption von Bursfelde abhängig.— Nach 1278 (Stadtbrand) Neubau im O begonnen; zahlreiche Ablässe bis 1290. Chor, Querhaus und nach
einem Planwechsel die 2 östl. Langhausjoche als Halle 1308 fertiggestellt (in diesem Jahr 5 Altarstiftungen). 1424 Stiftung für den Westbau. Die beiden Westjoche des Langhauses
2. Dr. 15. Jh. (nordwestl. Freipfeiler dat. 1437), Gesamtweihe 1478; Westbau blieb unvollendet, 1817 abgetragen.- 1945—48 Behebung der Kriegsschäden; 1974-79 Restaurierung.
Äußeres. Bruchsteinmauerwerk. Chorumgang und geschlossener Kapellenkranz unter gemeinsamem Pultdach, aus dem die Strebepfeiler hervorragen. Hochchor mit drei-
bzw. vierbahnigen Maßwerkfenstern. An den Polygonkanten durch Wulstpaare gegliedert, dazwischen eine Kehle, die sich in einer Rinne auf der Oberseite der Strebebögen fortsetzt.
Als Abschluß der Strebepfeiler umgab einst ein Kranz von thronenden Figuren den Chor (nur eine erhalten, stark verwittert).— Stirnseite des nördl. Querarms durch einen
disparaten Detailreichtum fassadenartig zur Stadt hin hervorgehoben. — Die Joche des hoch aufragenden Langhauses durch vierbahnige Maßwerkfenster und wimpergartige Zwerchgiebel
akzentuiert; auf der Nordseite mit Blendmaßwerk (im 2. Joch von W Statue des hl. Auktor 2. H. 15. Jh.), hier auch einheitlich schlanke, gestufte Strebepfeiler. Die beiden
Ostjoche der Südseite zeigen ein dem Chor ähnliches Strebesystem. Bei der Bauunterbrechung A. 14. Jh. standen neben den beiden östl. Jochen die Außenmauern in der unteren Zone
bis zum Westbau hin aufrecht, wie es der spärliche plastische Schmuck des Nordportals und die Profilierungen der Fensterl^ibungen auf der Südseite belegen. — Ruinenhafte
Westfront mit den Ansätzen der geplanten, nur z.T. ausgeführten Turmanlage (1817 abgetragen).
Inneres. „Die freie und großartige Raumbehandlung unterscheidet sich sehr wesentlich von dem Baugeist der übrigen gotischen Kirchen Braunschweigs“ (Dehio). Der
Binnenchor zeigt einen dreizonigen, von französischen Kathedralen bekannten Aufriß. Die untere Zone öffnet sich mit 7 niedrigen Arkaden gegen Umgang und Kapellenkranz;
gedrungene, im Kern runde Pfeiler; die Kapitelle der je 4 alten und 4 jungen Dienste zeigen Fabelwesen und „reizvolles naturalistisches Blattwerk, hier und da romanische
Nachklänge“ (Dehio). Das Trifo- rium und die Obergadenfenster werden in jedem Wandfeld zu einer Einheit zusammengefaßt. Maßwerkformen aus Steinplatten ausgeschnitten, mit
aufgelegten Rundstäben profiliert; Vorstufen und Parallelen in Magdeburg und Halberstadt. Umgang und Kapellen bei annähernd gleicher Höhe kreuzgratgewölbt und durch Gurte
voneinander getrennt. Die Kapellen werden durch gerade bzw. dreieckige Zungenmauern voneinander geschieden. - Das System des Chores weist auf eine beabsichtigte basilikale
Anlage des Langhauses, aber die sich allgemein in Braunschweig durchsetzende Wertschätzung für den Hallenbau gegen E. 13. Jh. bewirkte einen Planwechsel. Die Querarme sind in 2
unterschiedlich breite, längsrechteckige Joche mit Kreuzrippengewölben aufgeteilt, um so zur Langhaushalle überzuleiten. Mittelschiffjoche im Langhaus quer-, die Seitenschiff
joche längsoblong. Langhausstützen aus dem kantonierten Rundpfeiler entwickelt, der Kern zwischen den 8 Diensten gekehlt, jeder zweite Pfeiler mit vorgezogenen Graten in den
Kehlen. An den Außenwänden einfache Runddienste sowie konsolartig abgefangene Kurzdienste für die Diagonalrippen. Scharf geschnittene Rippenprofile, die Gurtbögen z.T. reicher
profiliert; keine Schildbögen. Schlußsteine.
Ausstattung. Spätgotische Kanzel, bei der Umwandlung der ehem. Dominikanerkirche St. Paul zum Zeughaus 1712 in die Kirche des ehem. Kreuzklosters übertragen und
von A. D. Jenner mit Überarbeitungen in die barocke Altarwand eingefügt; 1948 in St. Aegidien aufgestellt. Sechseckiger Kanzelkorb mit gliedernden
Blattbändern, in den Brüstungsfeldern 2 Kalksteinreliefs einer Strahlenkranzmadonna und einer Anna selbdritt, die zusammen mit dem Johannesknaben am maßwerkdekorierten
Balusterfuß dem braunschweigischen Frühwerk des Hans Witten (um 1490/1500) zugeschrieben wurden; Renaissancezüge scheinen jedoch eher für eine Datierung A.
16.Jh. zu sprechen. Barock sind die Kartuschenfelder mit Predigtsprüchen und die Farbfassung (1979 restauriert). - Lebensgroßer barocker Holzkruzifix. - Fast lebensgroßer
Kruzifix nach M. 13. Jh. (aus Salder, Stadt Salzgitter), Holz.

