GREIFSWALD / Ev. Kirche / Marienkapelle
Ev. KircheSt. Marien. Im Nordosten der Altstadt durch ein großes Wohnquartier vom Markt abgesonderte dreischiffige Backsteinhalle von fünf Jochen mit geradem Chorschluss und mächtigem Westturm zwischen Seitenhallen.
Baugeschichte
1280 erstmalig genannt, unter dem Patronat des Klosters Eldena. Baubeginn mit Teilen der Umfassungswände und nur wenig später am Turmuntergeschoss im letzten V. 13. Jh., wohl zunächst nach basilikalem Schema mit ungewisser Chorform, um 1328 (d) als fünfjochige Halle mit geradem Ostschluss, Pfeilergiebel und zwei Turmgeschossen vollendet; die nördl. Turmseitenhalle mit Kapelle („Kalkhaus“) wohl um 1280 / 90. In 2. H. 14. Jh. Aufführung des dritten und vierten Turmgeschosses, woh l bald danach der heutige Turmhelm; die Lukarnen A. 17. Jh. aufgesetzt; um 1400 und im Verlauf des. 15. Jh. zwischen die Strebepfeiler der südl. Turmhalle und die sog. Annenkapelle (um 1320 / 30 ) drei schmale kreuzrippengewölbte Kapellen eingefügt, die mittlere inschriftlich 1411 geweiht; zugleich Erhöhung der Turmseitenhallen auf die Gewölbehöhe der Seitenschiffe. M. 15. Jh. Vorhalle an der Westfront. 1799 Erneuerung der Sakris tei im Nordosten. Restaurierungen 1885 / 87, 1935 / 3 7,
1974 / 84, 1990 er Jahre.
Baubeschreibung
Kompakter Hallenbau mit hohem Satteldach, durch Strebepfeiler sowie drei- und vierteilige Fenster ( 1885 / 87 erneuert) schlicht gegliedert. Der massige Westturm mit großen Maßwerkputzblenden am Mittelgeschoss; das urspr. wohl ähnlich gestaltete Obergeschoss 1780 niedriger mit Zeltdach und vier kleinen Erkern an den Traufseiten ersetzt. Der monumentale, aufwendig gegliederte Ostgiebel von signifikanter Fernwirkung den Ryck abwärts und zum Kloster Eldena. Einer der frühen Pfeilergiebel im nordostdeutschen Raum, evtl. von Bürgerhausgiebeln beeinflusst. In seiner Nachfolge u. a. die Giebel in >> Reinberg, Gramzow und Stettin, St. Johannis. Straffe vertikale Gliederung durch fünf schlanke Fialpfeiler mit eingelegtem Stabwerk, die über die Dachschrägen hinausragen, mit auffälliger Betonung der Giebelmitte ( >> Markt 13; >> Gristow; Chorin, Brauhaus), dazwischen acht ansteigende Blenden mit klarer Binnengliederung durch Maßwerk und Fassungsresten
einer Rötelung mit weißen Fugen. An den Traufseiten spitzbogige Portale mit reich profilierten Gewänden aus abwechselnd roten und schwarz glasierten Formsteinen; das Nordportal 1887 erneuert; auf der Südseite zwei Eingänge, deren Gewändeprofil mit kleeblattförmigen Stäben zwischen flachen Kehlen, kelchförmigen Kapitellchen und stuckierten Blattfrieskämpfern, nur im westl. Portal vollständig. Dieses in der sog. Annenkapelle, der Funktion nach eine repräsentative Vorhalle mit eigenem Portal und der dekorative Hauptakzent der Südseite. Vor der Westfassade die niedrige, nachträglich in ganzer Breite vorgesetzte Vorhalle mit sieben kreuzrippengewölbten Jochen; ihr Portal mit kleinteiligem Gewändeprofil aus Rundstäben und Viertelkehlen. Von der West-Vorhalle verdeckt der urspr. Haupteingang, eine in die Tiefe der westl. Turmwand eingelassene außergewöhnliche Vorhalle mit einem äußeren und inneren Portal (vgl. St. Marien in >> Wismar, St. Petri in >>
Altentreptow u. a.). Das schlichte äußere Portal in der bestehenden Form wohl aus dem 15. Jh., das innere um 1290 / 1300, mit Kalkstuckkapitellen (Tierdarstellungen zwischen stilisiertem Weinlaub) und mehrteiligen, im seltenen vertikalen Wechsel glasierten Archivolten (vgl. Westportal Jakobikirche). Die Portalhalle kreuzrippengewölbt, die Schlusssteinscheibe mit Relief des thronenden lehrenden Christus’, E. 13. Jh.; an den Seitenwänden schmuckreiche dreiteilige Blendarkaturen, über dreipassförmigen Stäben aus abwechselnd glasierten Formsteinen Kleeblattbögen in Wimpergen aus Kalkstuck.
Innen der Hallenraum mit schwach querrechteckigen Mittelschiffsjochen und fast quadratischen Seitenschiffsjochen in Höhe und Breite ausgewogen proportioniert. Die Pfeiler mit wechselnden Grundrissen, das östl. Pfeilerpaar quadratisch mit vorgelegten Halbsäulen (ähnlich in der Berliner Franziskanerkirche), zwei folgende Bündelpfeilerpaare (Klosterkirche Chorin); das westl. achteckig mit eingestellten Eckstäbe n ( >> Stralsund, St. Nikolai). Die Wandvorlagen der Südseite wirken durch flache Lisenen mit aufgelegtem Halbrundstab und eingestellten Rundstäben altertümlich ( >> S t. Jakobi, Greifswald). Die Kreuzrippengewölbe leicht gebust. Die Turmwand ehem. mit großem Spitzbogen (zugesetzt) in den heutigen Dachbereich des Schiffes geöffnet. Die Turmseitenhallen urspr. niedriger geplant, wie an Schildbögen und Gewölbeansätzen noch erkennbar. Im Nordwesten bauzeitlich die zweijochige sog.
Marienkapelle (später als Kalkhaus
bezeichnet), auffallend reiche Innengliederung durch Wandvorlagen aus glasierten Formsteinen und durch spitzbogige Blendnischen in Dreiergruppen an der Süd- und Westwand; die Nord- und Ostwand im 17. Jh. erneuert, dabei wohl ein polygonaler Ostschluss entfernt; das Portal zum Schiff mit kräftigem Profil aus wechselnd glasierten Steinen und Wulst in der Kapitellzone.
Die sog.
Annenkapelle im Südwesten (erstmals 1492 so bezeichnet) dreijochig mit einem Paar östl. Apsiden mit 5 / 10 -Schluss, wegen der dekorativen Wirkung des Äußeren gelegentlich unter dem Einfluss des H. Brunsberg A. 15. Jh. vermutet, auf Grund der wie an der Stralsunder Rathausfassade (um 1310/20 ) verwendeten Formsteine aber spätestens um 1320/30 zu datieren (vgl. Briefkapelle der Lübecker Marienkirche um 1310 ). Einmalig unter Kapellen und Vorhallen in Nordostdeutschland die polygonalen Zwillingsapsiden. Der Außenbau stark plastisch durchgebildet, über schmalem Kaffsims Spitzbogenfenster zwischen eng aneinander gerückten Strebepfeilern mit runden Eckstäben und Putzblenden, darüber Formsteinvierpässe, von den urspr. über die Traufe hinausragenden Fialaufsätzen nur einer erhalten; das Portal mit stark gebündeltem Gewändeprofil. Zierlicher Innenraum mit Segmentbogennischen unter den Fenstern; das mittlere Joch
kreuzrippengewölbt, die beiden äußeren mit Rippendreistrahlgewölben.
Die Ausmalung des Halleninneren 3. Dr. 14. Jh., 1980 – 83 in Annäherung an den Befund rest., weiß gefasste Wände und Gewölbe mit bunten, von Blattkrabben begleiteten Rippen, rote Wanddienste und Pfeiler. Die östl. der südl. Turmseitenkapellen mit
Wandmalereien der Werkstatt der >> Stralsunder Marienkirche, von Meister Bertram beeinflusst; je zwei übereinanderliegende Passionsszenen (Ölberg, Geißelung, Kreuztragung, Kreuzigungsgruppe) und aufwendige grün-rote Rankenmalerei, einzigartig die Weihinschrift mit Datierung 1411. Gleichzeitig die westl. Seitenkapelle mit Spiralranken und Blüten. In Gewölben der südl. Turmseitenhalle rippenbegleitende Krabben und Köpfe mit Inschriften in den Zwickeln, A. 15. Jh. An der Turmwand der nördl. Turmseitenhalle Darstellung eines 1545 in Wieck gestrandeten Schwertwales. In der westl. Vorhalle Madonna im Strahlenkranz, um 1500.
Würdigung
Die Marienkirche zählt mit der Nikolaikirche in >> Rostock, den Marienkirchen in >> Neubrandenburg und in >> Friedland zur Gruppe der sog. „chorlosen“ Hallen und besitzt einen der frühen Pfeilergiebel, der den Giebeln in Prenzlau (St. Marien) und >> Neubrandenburg vorausging; wohl mit Ausstrahlung auf die Insel Rügen und das nähere Binnenland. Der dekorative Wechsel der Pfeiler im Inneren weniger ein Wandel in der Baugesinnung als vielmehr spielerischer Umgang mit dem Formenreichtum der Zeit E. 13./A. 14. Jh. Ein architektonischer Bezug zum Kloster Eldena aufgrund des Patronats zwar naheliegend, aber nicht feststellbar. Stattdessen verschmelzen hier die über Mecklenburg kommenden Einflüsse westfälischer Hallenarchitektur mit dem Formengut der Mark Brandenburg (Chorin) zu einem eigenen küstenländischen Baustil, der sich durch straffe Gliederungen, flächenhafte Wandbehandlung und Reduktion der Formen auszeichnet.
Ausstattung
Seit Nutzung als Heeresmagazin 1806 / 07 zum größten Teil verloren. Der Altarbereich 1835–37 nach romantisch neugotischer Konzeption von K. F. Schinkels Schüler C. J. G. Giese aus Greifswald gestaltet: vor einer Maßwerkblendwand streng gegliederte Rahmenarchitektur aus Holz mit
Altarbild von F. A. v. Klinkowström , 1806, Darstellung der Heiligen Nacht, Kopie nach Correggio. – Im nördl. Seitenschiff von einem spätgotischen
Schnitzaltar Mittelschrein mit Grablegung Christi, gute Arbeit eines unbekannten Meisters, um 1505. – Prächtige
Kanzel mit reichem Schnitzwerk und schönen Intarsien, ausgeführt vom Rostocker Kunstschreiner J. Mecklenburg u. a., 1587 dat., am erneuerten Kanzelkorb und an der Treppe Arkaturen mit Christus und den Evangelisten,
dazwischen Hermenpilaster; an der Kanzelrückwand Bildnisse der Reformatoren Luther, Melanchthon und Bugenhagen; im bekrönenden Aufsatz der Kanzeltür reizvolles Intarsienbild, Maria im Rosenhag. –
Orgel von F. A. Mehmel, Stralsund, 1868, ehem. mit romantischer Disposition nach Art französischer Orgeln, neugotischer Prospekt. – Kleines geschnitztes
Relief, Heilige Sippe, A. 16. Jh. (Annenkapelle). In der Gedächtniskapelle für Kriegsopfer ehem.
Triumphkruzifix aus der Dorfkirche >> Gristow, zugehörige Assistenzfiguren in der Sam mlung des Victor-Schultze-Institutes der Universität, Eiche, um 1500; ein kleineres
Kruzifix an der Südwand wohl 16. Jh. – Am südöstl. Turmpfeiler
Gedenkstein des Bürgermeisters und Universitätsgründers Heinrich Rubenow, ermordet 1462, Kalkstein, in qualitätvoller Ritztechnik unter reicher Baldachinarchitektur der Gekreuzigte
mit Maria und Johannes sowie dem knienden Verstorbenen (urspr. in Franziskanerkirche). – Am nordöstl. Turmpfeiler
Epitaph Katharina Calen-Tide, Kalkstein, 1615, in reicher Spätrenaissancerahmung Relief mit Auferstehung Christi zwischen allegorischen Figuren (Hoffnung und Glaube). – In südl. Turmseitenkapelle
Familienbegräbnis Franz J. v. Essen ( † 1771 ) mit reich geschnitztem und verglastem Prospekt, wohl schon M. 18. Jh. – In der nördl. Turmseitenhalle
Grabmal F. v. E ssen ( † 1714 ), aufwendiger Holzaufbau mit allegorischen Figuren und Wappenbekrönung, ehem. am Ostende des Seitenschiffes, wohl Umkreis A. Schlüters, Fassung von J. Prerow, 1723. – Über 300
Grabplatten v erschiedener Zeiten aus gotländischem Kalkstein, die älteste im nördl. Seitenschiff Lambert Warendorf, 1350. Im südl. Seitenschiff Berta v. Münster, 1356. Werlemann,
136 0, im Mittelfeld unter Zackenbogen betende Verstorbene. Familie Stevelyn, 1520, mit Passionssymbolen und Wappen. Passionsstein Familie Bollhagen-Völschow, um 1600, mit Leidenssymbolen Christi in reicher architektonischer Rahmung. – Reiche r
Kelch , silbervergoldet, am Fuß getriebenes pflanzliches Ornament, E. 13. Jh. (unter Verschluss). –
Glocken: 1468 von J. Karl (vgl. Glocke in >> Jarmen), mit seltener Sonderkonstruktion der Krone (zwei Mittelösen und acht Henkel), Ton es hoch 1 – 1; Wachtglocke, 1569 von J. de Borch, gesprungen; Mess- oder Klingeglocke, 1614 von D. Droyse , Greifswald, Ton es hoch 1 + 5. Im Turmobergeschoss Lastenaufzugsrad, 17. Jh.
In der Westvorhalle verschiedene Vasa Sacra und mittelalterliche Plastiken ausgestellt: u. a. >> Wolkwitzer Madonna, 1250. Sitzmadonna aus >> Gnevkow, um 1400. Bischofsfigur aus >> Wusterhusen, 15. Jh. >> Franz- burger Madonna, 2. H. 15. Jh., auf Mondsichel von Engeln begleitet.

