KIEDRICH / Totenkapelle St. Michael mit Karner / Figuren

Totenkapelle St. Michael mit Karner. Das architektonisch reichste und künstlerisch edelste Beispiel dieser Baugattung am Rhein und im heutigen Bundesland Hessen. Zweigeschossiger Rechteckbau zu drei Jochen mit steilem Satteldach, im Erdgeschoss der Karner, im Obergeschoss die ungewöhnlich reich dekorierte, wohl als Heiltumskapelle mit Außenkanzel zur Präsentation der Valentinsreliquien konzipierte Kapelle. In der künstlerischen Nachfolge von Madern Gerthener (?), wichtige ergänzende Anregungen (Chörlein) aus Franken; vgl. auch Michaelskapelle >> Butzbach. Die starke Auswirkung des Baus bezeugen die Totenkapellen in Ochsenfurt in Franken sowie Wertheim und Tauberbischofsheim in Baden-Württemberg.
Nach 1434 beg., 1444 vollendet, 1445 geweiht, damals der Altar von 1427 aus der Michaelskapelle im 2. Geschoss des Kirchturms hierher übertragen. Dem Mainzer Domwerkmeister Peter Eseler bzw. seinem Sohn Nicolaus Eseler zugeschrieben. 1845–47, 1851–58, 1910/11 und 1974/75 rest.
Der Außenbau schlank und in reichen und zierlichen Formen. Am Bau umlaufendes Kaffgesims. Dreiteilige Fenster mit Fischblasenmaßwerk. Die Strebepfeiler ähnlich wie am Chor der Kirche durch Baldachinnischen aufgelockert. Die reiche Dekoration auf Chörlein, Außenkanzel, Figurenbaldachine und Turmabschluss konzentriert. – An der westl. Giebelwand ein achteckiger schmaler Treppenturm über quadratischem Unterbau, bekrönt von einer offenen Maßwerklaterne mit durchbrochenem Steinhelm; im Turmerdgeschoss ein Kreuzgewölbe, mit Kleeblattbogenzacken an den Rippen und hängendem Schlussstein; die Wendeltreppe mit originell konstruierter, dreieckiger, offener Spindel. – Zwischen den beiden mittleren Pfeilern der Nordseite die sog. Außenkanzel eingespannt, in einer Zwischenform von Altan und Loggia mit Maßwerkbrüstung gestaltet. Die Verdachung in Form eines Tonnengewölbes mit zwei applizierten Kreuzrippen schließt nach vorne mit einem verzierten Kielbogen ab, der von Engelsfiguren getragen und von einer Fiale bekrönt wird. – An der Ostseite zwei sechseckige Dachtürmchen sowie, als besonderer Schmuck, auf einer hohen, reichprofilierten, mit Krabben verzierten Konsole ein fünfseitiges erkerartiges Chörlein mit steinernem Dach; in üppigen spätgotischen Formen. An der Brüstung Maßwerkblenden, die Fenster mit verschlungenem Fischblasenmaßwerk und bekrönenden Wimpergen.
Das Innere der Kapelle einschiffig mit drei Querjochen; Netzgewölbe auf kapitelllosen gebündelten Wanddiensten, im Chörlein Sterngewölbe; die Ostwand in Art einer Innenfassade gestaltet, Choröffnung ähnlich einem Portal (vgl. Memorienpforte des Mainzer Doms) mit Kielbogen, Maßwerkvorhang und flankierenden Fialen (stark rest., Figuren 1912 von H. Steinlein). – Glasfenster des Chörleins von Baron J. B. C. de Bethune, Gent. Die komplette Schiffsverglasung im 19. Jh. nach vorgefundenen bauzeitlichen Fensterfragmenten mit Flechtbandornamentik neu ausgeführt. – Spätgotische Sakramentsnische und Gerätenische. – Lebensgroße, auf einen Kronleuchter montierte Doppelmadonna von hervorragender Schönheit auf von sieben Engelsköpfen getragener Mondsichel, um 1520 wohl von P. Schro (>> Eltville, Pfarrkirche). Der eiserne spätgotische siebenarmige Kronleuchter ein Meisterwerk der Schmiedekunst, 1512 von C. Spengeler. – Priestergrabstein mit Relief, vor 1505.
Das Innere des Karners zweischiffig mit Tonnenwölbung. – Grab Christi, um 1500, und kreuztragender Christus, E. 16. Jh. – Ölbergchristus 19. Jh. – Grabplatten 15. Jh.

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