KOBLENZ / Stiftskirche St. Florin / Vorchor

Ehem. Stiftskirche St. Florin, seit 1818 ev. Pfarrkirche. Aus der Kapelle des südlich benachbarten fränkischen Königshofes (heutiges Pfarrhaus von Liebfrauen) hervorgegangen, deren Estrich sich unter dem Chor der heutigen Kirche fand. Urspr. nur Maria, seit 938–48 (Übertragung der Reliquien) dem hl. Florin geweiht. Um 1100 Neubau der Kirche durch den Stiftspropst Bruno, den späteren Erzbischof von Trier. Mitte 14. Jh. (Schenkung 1350, Ablaß 1357) Neubau des Chorpolygons. 1582–1614 Einwölbung des Langhauses durch Meister Dietrich. Die bei der Beschießung 1688 zerstörten Mittelschiffgewölbe 1708–11 erneuert. 1803 das Stift aufgehoben, das Kircheninventar verschleudert, das Schulhaus und die angrenzenden Stiftsgebäude 1807–11 niedergelegt. 1899 neue Turmhelme. Nach Brand 1944 Erneuerung der Dächer. 1970 neue Ausmalung nach am Triumphbogen gefundenen Resten der gotischen Bemalung.
Dreischiffige romanische, urspr. flachgedeckte Querhausbasilika mit Doppelturmfassade und gotischem Chor. Westbau mit Gliederung durch abwechselnd breite und schmale Pilaster, um die sich die Gesimse verkröpfen (vgl. St. Kastor). Die Türme besitzen im fünften Geschoß auf jeder Seite vier gekuppelte Schallarkaden, ihre Säulenkämpfer mit figürlichen Reliefs, die Bögen an der Westseite des Südturms mit abwechselnd weißen und schwarzen Quadern. Der abschließende Rundbogenfries und die Dreiecksgiebel Anfang 13. Jh. Darüber urspr. Rautendächer, jetzt Spitzhelme von 1899. Der Zwischenbau wie die Türme gegliedert, das dritte ungegliederte Geschoß spätgotisch, das große Mittelfenster aus dem 17. Jh.
Das Äußere des Langhauses schlicht; in der Obergadenwand Reste von Laibungen spätromanischer und gotischer Fenster, die im 17. Jh. durch einfache spitzbogige ersetzt wurden. In der 1614 wieder aufgemauerten Südwand des südlichen Seitenschiffs barockes Portal, den Architekturformen nach von Philipp Honorius Ravensteyn, um 1710, mit Statue des hl. Florin. An den beiden westlichen Jochen des nördlichen Seitenschiffes ersetzen Strebepfeiler die urspr. Pilastergliederung; über der Tür ein romanisches Rundbogenfenster, anschließend Schildbögen des ehem. Kreuzganges. Das Querhaus niedriger als das Langhaus, die urspr. rundbogigen Ostfenster durch je ein gotisches ersetzt. Zweigeschossige Apsis, um 1350–60 anstelle der halbrunden romanischen errichtet; 5/8-Schluß, teils durch Konsolen vorkragend, auf einem Rundturmstumpf der spätrömischen Stadtmauer, die auch das Fundament für die Ostmauern des Querhauses bildet. Flache Eckstreben und zwei freistehende Strebepfeiler mit je einem Strebebogen, dreibahnige Maßwerkfenster.
Inneres: Die Turmerdgeschosse zu den Seitenschiffen geöffnet und so im Raumbild stark mitsprechend; die Arkadenbögen mit Quadern aus abwechselnd rotem Sand- und weißem Kalkstein; in den beiden inneren Westecken je eine Wendeltreppe. Die Erdgeschoßhalle des Mittelbaues mit sehr flachem Kreuzrippengewölbe von 1708 (urspr. Tonnengewölbe, die Ansatzsteine des Rundbogens erhalten, die Empore darüber urspr. aus drei Jochen mit Kreuzgratgewölben, die sich in drei Bögen zum Mittelschiff öffneten, Gewölbeansätze und alte Türlaibungen auf der heutigen Empore zu sehen).
Fünfjochiges Langhaus, die Seitenschiffe ungefähr halb so breit wie das Mittelschiff. Die quadratischen Pfeiler in kurzem Abstand voneinander, aber verhältnismäßig schlank und hoch. Gotisierende Kreuzrippengewölbe, sehr wahrscheinlich nach Plänen des kurtrierischen Hofbaumeisters Joh. Honorius Ravensteyn von Veit Leyendtaler (1708–11) ausgeführt, im Mittelschiff mit Halbsäulendiensten, die auf den Pfeilerkämpfern stehen, in den Seitenschiffen beginnen die Rippen schon unterhalb der Kämpfer. Die Fenster bereits bei der ersten Einwölbung 1582–1614 von Meister Dietrich verändert.
Der Chor besteht aus Apsis, Querhaus und Vorchor, die jeweils durch mehrere Stufen voneinander getrennt sind. In jeder Apsisseite eine spitzbogige Nische; Birnstabrippen über schlanken Diensten mit Laubwerkkapitellen. Die niedrigen Querhausflügel quadratisch, die Vierung so hoch wie die Apsis und mit ihr gleichzeitig, d. h. um 1350 kreuzrippengewölbt (urspr. wohl kein Vierungsturm); die verbindenden Arkadenbögen zu den Flügeln auf der Südseite zugemauert, auf der Nordseite zugestellt. Die rechteckige Einnischung an den vortretenden Pfeilern zum Vorchor macht einen romanischen Lettner an dieser Stelle wahrscheinlich. – Ungewöhnlich langer Vorchor aus zwei queroblongen Jochen (Fußboden urspr. ungefähr ein Meter höher, vgl. Türen im Osten). Je zwei hochsitzende Dreiergruppen von Rundbögen mit Übergreifungsbogen (vgl. Lobbes an der Sambre) an den Wänden. Eine spitzbogige Wandnische mit Wandschrank an der nördlichen und eine ähnliche gegenüber weisen auf einen gotischen Lettner, der durch eine (heute vermauerte Tür) im westlichen Joch der südlichen Abseite zugänglich war. Kreuzrippengewölbe erste Hälfte 15. Jh. Die Vorchorabseiten bestehen aus zwei längsrechteckigen, im ersten Viertel 17. Jh. rippengewölbten Jochen, in der südlichen drei Altarnischen mit Fresken, in der nördlichen Gang und Türen zum Kapitelhaus sowie zur ehem. Gruft.
Wandmalereien: In den drei Nischen der südlichen Vorchorabseite Martyrium der hl. Agatha, Vorzeichnung in roten und braunen Tönen (1300 ein Agatha-Altar gestiftet); Martyrium der hl. Margaretha in mehreren Szenen vor kräftig blauem Hintergrund, die Figuren meist rötlich, der zugehörige Margarethenaltar 1364 gestiftet; Schmerzensmann umgeben von Leidenswerkzeugen, an der Laibung Schweißtuch der Veronika und Heilige in Grisaillemalerei, Mitte 15. Jh.
Die mittelalterliche und barocke Ausstattung, darunter mehrere kurfürstliche Grabdenkmäler, in der Franzosenzeit zerstört oder verschleudert. Rundscheiben, angeblich aus der Kirche in Dausenau, 1819/20 zur Wiederherstellung der Florinskirche geschenkt, mit Darstellungen aus der Kindheit und Passion Christi (Fassung und Mosaikmuster 1899 erneuert), hessische Arbeiten um 1330; zwei rechteckige Fenster mit Kreuzigung und Himmelfahrt Christi, angeblich aus Kloster Arnstein stammend, hessisch zweites Drittel 14. Jh. – Zwei frühmittelalterliche schmucklose Sarkophage.
Von den Stiftsgebäuden an der Nordseite der Kirche nur das ehem. Kapitellhaus um 1200, erhalten; über den drei östlichen Jochen des südlichen Kreuzgangflügels ein zweistöckiger Bau von drei zu einer Achse; an den Schmalseiten Giebel mit Dreibogenstaffel; im Innern im unteren Geschoß drei Joche, zwei mit Kreuzgratgewölbe, das dritte mit einem halben Kappengewölbe und einem Kamin der Erbauungszeit. Im oberen Geschoß ebenfalls drei Kreuzgratgewölbe und der Rest eines Kreuzigungsgemäldes, zweites Viertel 13. Jh.

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