KOBLENZ / Stiftskirche St. Kastor / Vierung

Ehem. Stiftskirche St. Kastor, jetzt kath. Pfarrkirche. Die erste, bis Mitte 13. Jh. vor den Toren der Stadt gelegene Kirche 836 durch Erzbischof Hetti im Beisein König Ludwigs des Frommen geweiht, nachdem am Tage zuvor die Gebeine des hl. Kastor von Karden an der Mosel (siehe dort) hierher gebracht worden waren; wahrscheinlich gleichzeitig das Stift gegründet und die Pfarrechte übertragen (St. Kastor ist neben Liebfrauen die zweitälteste Pfarrkirche von Koblenz). 842 und 860 Stätte wichtiger politischer Versammlungen (siehe Einleitung). Unter Propst Buvo (nachweisbar 1147–58) Neubau des Chorhauptes. Nach größeren Zerstörungen 1198 im Krieg zwischen Philipp von Schwaben und König Otto IV. Neubau des Langhauses durch Erzbischof Johann I., Weihe 1208. 1802 das Stift aufgehoben, sämtliche Stiftsgebäude und der romanische Torbau, der den westlich der Kirche gelegenen Friedhof abschloß, abgebrochen. 1848/49 durchgreifende Restaurierung durch Johann C. von Lassaulx, Koblenz, verbunden mit einer Ausmalung durch Joseph Settegast (bis auf das Apsisgemälde nicht mehr vorhanden); die barocke Ausstattung (Hochaltar, Chorgestühl, Bänke) damals größtenteils entfernt. 1890–95 Außenrestaurierung durch Stadtbaumeister F. W. Maeckler, das rechte Seitenschiff und die südliche Sakristei abgebrochen und mit geringerer Mauerstärke bzw. in reduzierter Breite wiederaufgebaut. Im Zweiten Weltkrieg 1944 Dächer und Orgel zerstört. 1955 neue Ausmalung. 1980–83 statische Sicherung der Westtürme, Auswechslung großer Teile der Tuffsteinverblendung und zahlreicher Werkstücke insbesondere der Freigeschosse; der bis 1848/49 verputzte und farbig gefaßte Außenbau bleibt steinsichtig.
Die bestehende, im wesentlichen in der Mitte des 12. Jh. und um 1200 erbaute Kirche mit dreischiffigem Langhaus, Querhaus, Chor, Apsis, zwei West- und zwei Osttürmen steht auf den Fundamenten eines karolingischen Baues, von dessen aufgehendem Mauerwerk sich möglicherweise Reste im Westbau erhalten haben. Die Lösung der noch offenen kunstgeschichtlichen Probleme (wie Rekonstruktion des Gründungsbaues und sein Verhältnis zur romanischen Kirche) wird durch die nivellierenden Restaurierungen des 19. Jh. erschwert.
Die Doppelturmfassade ist erheblich schmaler als das Langhaus und stammt, in den fünf unteren, zweischalig gemauerten Geschossen wahrscheinlich aus dem letzten Jahrzehnt des 11. Jh. (ein 1982 in der Brüstung des sechsten Geschoßes des Nordturms gefundener Balken ist dendrochronologisch 1103 datierbar). Sie besaß jedoch einen karolingischen Vorgänger, der wohl denselben Grundriß hatte, den auffallend geringen Abstand der beiden Türme bedingte und von dem vielleicht noch aufgehendes Mauerwerk in den beiden unteren Geschossen erhalten ist.
Die hoch aufragenden Türme sind durch breite Eck- und schmale Mittelpilaster gegliedert. Am zweiten Geschoß über den Pilastern merkwürdig altertümliche, stark stilisierte Kalksteinkapitelle, vielleicht karolingisch und schon wegen der anderen Proportionen sicherlich wiederverwendet. Das vierte und fünfte Geschoß auf jeder Seite mit vier gekuppelten Schallarkaden, die des vierten ursprünglich hintermauert. Das durchgehend aus Tuffziegeln gemauerte sechste Geschoß und die sehr steilen Giebel mit Rautenhelmen wegen des einheitlichen Formcharakters wohl aus einer Bauzeit, vielleicht schon unter Propst Rudolf (nachweisbar 1171–82), wahrscheinlich aber erst unter Dechant Richard (nachweisbar 1225–30), vor allem die Form der Giebelfenster am Nordturm spricht für das spätere Datum. An den äußeren Seitenwänden der beiden Untergeschosse halbrund vortretende, in die Gliederung der Türme einbezogene Treppenaufgänge. Der Verbindungsbau zwischen den Türmen im 19. Jh. vollständig erneuert; das Westportal 1859 von Matthias Schmitz, das Tympanon 1866 von Joseph Fuchs, beide Köln; in der Nische darüber bis 1982 Figur des hl. Kastor von Gottfried Götting, Aachen (jetzt im südlichen Seitenschiff). Im Inneren bildete das Erdgeschoß wahrscheinlich eine ungeteilte, drei Joch breite Vorhalle, die durch Abmauerung des Nordturms und Einrichtung einer Kapelle im Südturm verändert ist. Im Obergeschoß in der Mitte eine Emporenkapelle mit vier Kreuzgratgewölben, deren Gurtbögen auf einer Mittelsäule mit Würfelkapitell im Charakter des 11. Jh. ruhen.
Fünfjochiges Langhaus. Die Seitenschiffe in der üblichen Weise mit Lisenen und Rundbogenfriesen gegliedert, am Obergaden nur Rundbogenfriese. Die schlichten Außenmauern des Querhauses gehen vielleicht teilweise noch auf die Zeit des Westbaues zurück, die Giebel in den Formen des beginnenden 13. Jh. Ein prachtvolles Bild bieten die dem Rhein zugewandten Ostteile mit der breitgelagerten zweistöckigen Apsis über halbkreisförmigem Grundriß und den dazu kontrastierend schlanken, fünfgeschossigen Türmen und zwei pastophorienartigen Räumen („Schatzkammern“ genannt). Wahrscheinlich durch Propst Buvo (nachweisbar von 1147–1158) unter Einfluß der Ostapsis des Bonner Münsters erbaut. Die Apsis mit siebenteiligen Blendreihen, unten Blenden in Form von Kleeblattbögen (die zu den frühesten am Rhein gehören) mit vorgestellten gesimsstützenden Halbsäulen, im Obergeschoß Blendbögen auf Säulen, teilweise von Löwen getragen, mit Fenstern; die mit einer Längstonne gewölbte Zwerggalerie mit schmalen Pfeilern (darin von Bonn abweichend) nach jeder dritten Arkade. Geschoßteilung und Blendreihen setzen sich in den beiden unteren Stockwerken der Türme fort, das dritte Geschoß ragt über die Apsis hinaus. Die zweigeschossigen „Schatzkammern“ an den Seiten des Langchores im Winkel zum Querhaus, die südliche 1893–94 nur eingeschossig wiederaufgebaut.
Die breitgelagerten Verhältnisse des Chores, die beim Außenbau durch die emporragenden Osttürme nicht so augenfällig sind wie im Inneren, erklären sich wahrscheinlich aus der notwendigen Rücksichtnahme auf das damals bestehende, ältere Langhaus. Die Apsis zweizonig, unten fünf Arkaden über Säulen, darüber ungegliederte Wand mit sieben Rundbogenfenstern. Das Chorquadrat kreuzgewölbt; der Triumphbogen, der den Chor abschnürt, vielleicht noch von dem karolingischen Bau oder den vermuteten Veränderungen des 11. Jh. stammend. Aus dem 11. Jh. wohl auch die Anlage des Querhauses; es springt über die Fluchten der Seitenschiffe kaum vor und ist bedeutend schmaler als das Mittelschiff, so daß die Vierung stark querrechteckig und die Arme längsrechteckig sind. Aus dem 11. Jh. (?) beträchtliche Mauerteile an den Stirnwänden und die Pfeiler der Bögen zu den Seitenschiffen erhalten; die 1908 aufgedeckten Fundamente von drei unmittelbar anschließenden Apsiden (im Typ von Steinbach/Odenwald, Hessen, oder St. Alban in Mainz) wahrscheinlich karolingisch. Vierung durch Meister Matthias 1496–99 sterngewölbt mit figürlichen Konsolen und Schlußsteinen, auf einem Wappen des Erzbischofs Johann von Baden (1456–1503); Querhausarme kreuzgratgewölbt.
Das urspr. flachgedeckte Mittelschiff einheitlich um 1200 (Weihe 1208), doch weist die außerordentliche Weite auf den Vorgängerbau, wie aus den Abmessungen des Chorquadrates hervorgeht. Fünf rundbogige Arkaden mit längsrechteckigen Pfeilern, denen auf jeder Seite eine Dreiviertelsäule vorgelegt ist; gut durchgearbeiteter Kapitellschmuck. Zwischen Arkaden- und Lichtzone Scheinempore in Gestalt von Biforien, die sich auf die Dachstühle der Seitenschiffe öffnen (und möglicherweise durch Dachgauben den Raum indirekt erhellten). Die spätgotischen Sterngewölbe, 1496–99 von Meister Matthias eingezogen, übergreifen je zwei Arkaden, nur im Westen über querrechteckigem Joch. Die romanische Wandgliederung bis auf die Lisenenansätze unter den vier sitzenden Prophetenfiguren (1858 von Peter Fuchs, Köln) zerstört, über den Gewölben aber erhalten. Urspr. stiegen von allen Arkadenpfeilern Lisenen auf, die über die Obergadenfenster hinweg durch leicht gespitzte Blendbögen miteinander verbunden sind. Im ganzen ein für die Entstehungszeit merkwürdig altertümliches Raumbild, das durch die sehr tief liegenden spätgotischen Gewölbe stark verändert wird. Die Seitenschiffe (das südliche 1893–95 abgetragen und neu aufgebaut) mit Gratgewölben und Gurtwulsten, an den Außenwänden die gleichen Halbsäulenvorlagen wie an den Mittelschiffpfeilern, dazwischen Nischen auf flachbogigem Grundriß. Die Portale bei der Restaurierung 1890–95 restlos erneuert.
Wandmalereien: Von einer spätromanischen Ausmalung Reste, vor allem an den Blendbögen oberhalb der Gewölbe erhalten, die (neben anderen Anzeichen) eine Flachdecke dieses Baues bestätigen. – In der Apsis Hl. Dreifaltigkeit, 1849 von dem gebürtigen Koblenzer Joseph Settegast; unter dieser Wandmalerei die Maiestas Domini des späteren 13. Jh. verborgen.
Ausstattung: Hochaltar mit hervorragendem Bronzekruzifix, 1685 von Georg Schweigger, Nürnberg, gegossen von Wolf Hieronymus Gerold, Nürnberg, aus Ehrenbreitstein stammend. – Im rechten Seitenaltaraufsatz Marmorkruzifix, dat. 1709. – Reichverzierte Kanzel 1625, vielleicht von Peter Kern aus Koblenz, mit Reliefs der vier Evangelisten und ganzfigurigen Darstellungen des Guten Hirten und der vier Kirchenväter. Geländer, beachtliche Schmiedearbeit. – Taufstein aus rötlichem Marmor mit Messingdeckel, 18. Jh. – Zu Seiten des Westeingangs zwei prächtige, ikonographisch unbestimmte Bildwerke aus weißem Marmor (hl. Joachim und hl. Anna?), letztes Drittel 18. Jh. – Gnadenbild, Anfang 15. Jh. (mehrfach restauriert), wahrscheinlich durch die niederländische Devotio moderna bedingtes Halbfigurenbild der Muttergottes, im Typ eine mittelrheinische Wiederholung dies seinerzeit berühmten Gnadenbildes des Prager Domes (Prager Nationalgalerie), aus der gleichen Werkstatt ein Bild im Trierer Stadtmuseum. – Sechzehn halbfigurige Darstellungen der Zwölf Apostel, Christi, der Muttergottes, des hl. Kastor und der sel. Rizza, um 1480, Tafelbilder in spätromanischem Steinrahmen von ehem. Lettner, deren Rückseite sie schmückten. – Zwei Gemälde, hl. Kastor und hl. Goar, um 1780. – Im Pfarrhaus: Epitaph Zieglein († 1593) m Form eines Klappaltaraufsatzes; hl. Kastor, hl. Goar, Ölgemälde, 1627 mit Wappen Erzbischofs Philipp von Soetern; mehrere Gemälde von Januarius Zick.
Grabmäler: Wandgrabmal für Erzbischof Kuno von Falkenstein († 1388) an der linken Chorwand, Hochgrab in einer mit Krabben besetzten Spitzbogenblende, die von seitlichen Fialen begrenzt und von einer horizontal abgeschlossenen Spitzbogenblendreihe mit Maßwerk bekrönt wird; Tumba mit spitzbogiger Arkadenreihe (ehem. für Statuen bestimmt), darauf in der für die Zeit typischen Haltung liegend und stehend zugleich die Gestalt des Erzbischofs, umgeben von Einzelfiguren in Nischen, unter seinen Füßen Hund und Löwe; hervorragende Bildhauerarbeit, wenn auch kölnischen Werken verwandt, eher mittelrheinisch (vgl. Mainzer Madonna der Korbgasse). Auf der von der Spitzbogenblende umschlossenen Rückwand Gemälde der Kreuzigung mit hl. Petrus, hl. Kastor und kniendem Erzbischof vor Goldgrund. – Gegenüber, im Aufbau eng verwandt und gleich bedeutend, das Grabmal für Erzbischof Werner von Königstein († 1418), statt der Spitzbogenblende nasenbesetzter Kielbogen, Tumba mit Blendarkaden (aber ohne Figuren), zu Häupten des Erzbischofs zwei Engel mit seinem Wappen. – Grabmal eines Scholasters (Theoderich von Montabaur? Testament von 1321) in architektonischem Rahmen, Ganzfigur in Ritztechnik. – Doppelgrabmal des Koblenzer Amtmannes Friedrich von Sachsenhausen († 1411) und der Sophie Schenk von Liebenstein mit Bildnisfiguren in Flachrelief unter doppeltem Blendbogen, darüber Blendgalerie und wappentragenden Engeln. – Rotsandstein-Grabplatte der Marga von Helfenstein († 1471) in Witwentracht, einen Helm haltend. – Dreiteiliges Grabdenkmal des Ritters Johann von Schönborn, zweite Hälfte 15. Jh., in Nischen kniendes Ehepaar zu seiten einer Muttergottesstatue, darüber Zinnenkranz und Wappen. – Holzepitaph mit vielfiguriger Kreuzigung in der Art der späten Antwerpener Schnitzaltäre, der Rahmen in Frührenaissanceformen, trierisch um 1530. – Epitaph des Dechanten Maternus Gillenfeld († 1607). – Zahlreiche Grabplatten des 17. und 18. Jh.
Im Kirchenschatz: Vortragekreuz, erste Hälfte 14. Jh., dessen Arme in Kleeblättern enden, darauf Symbole der vier Evangelisten, Fuß um 1740. – Augsburger Sonnenmonstranz im Zopfstil von Meister F. A. G. (Franz Anton Gutwein). – Ziborium, um 1780 vom Koblenzer Meister E. L. – Kelche, Weihrauchfaß und Meßpollengarnitur von Augsburger, Koblenzer und Kölner Goldschmieden, zweite Hälfte 18. Jh. – Drei Heilige (Attribute und Hintergründe neu), Glasgemälde, hessisch, Mitte 14. Jh., vielleicht aus Dausenau stammend.

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