OBERNKIRCHEN / Ev. Stifts- und Pfarrkirche St. Maria / Westbaus
Ev. Stifts- und Pfarrkirche St. Maria. Geräumige spätmittelalterliche Hallenkirche mit mächtigem romanischen Westriegel. Nach Brand
der ersten Kirche 1150 Neubau einer kreuzförmigen Basilika im gebundenen System mit dreimaligem einfachen Stützenwechsel, davon erhalten die Westbau-Untergeschosse, die Ansätze
der Langhausarkatur, der nordöstl. Vierungspfeiler und die ehem. Stirnwände des Querhauses sowie einzelne Bauteile, u.a. die Säulenbasis vor der Nordfassade. Hallenumbau seit
dem 2. Dr. 14. Jh., zuletzt die 3 Westjoche des nördl. Seitenschiffs. — Gründliche Innenrestaurierung 1893.
Außenbau. Die beiden unteren Geschosse des blockartigen
Westbaus aus Quadern 3. Dr. 12. Jh., die Sparsamkeit der Maueröffnungen und der
Gliederungselemente entspricht hochmittelalterlicher Baugewohnheit Sachsens (vgl. v. a. Fischbeck). Zentral eingesetztes, tympanonloses Westportal mit Sockelumlauf, gleichfalls
typisch für hochmittelalterliche sächsische Portalanlagen; kantig gestuftes Gewände, in das ein Paar zierlicher Säulen eingegliedert ist. Die oberen, durch einen
Mauerrücksprung abgesetzten Teile erst gegen M. 13. Jh. fertiggestellt; isolierte, z.T. kleeblattförmig schließende Doppelarkaden in Spitzbogenblenden. Die beiden wie bei einer
Doppelturmfassade nebeneinander aufsteigenden, verschieferten Turmhelme nachmittelalterlich, vielleicht aber schon urspr. so geplant (vgl. Hohenhameln und Lehre).
Langhaus und Chor. Der Grundriß des hochgotischen Hallenumbaus seit dem 2. Dr. 14. Jh. am romanischen Querhaus orientiert, dadurch die jeweils 5 Joche in den 3
Schiffen quadratisch gebildet (vgl. z.B. auch den Bauvorgang bei St. Marien und St. Martini im unweit gelegenen Minden). Vom romanischen Bau insbesondere Teile des Südquerarms
mit Resten eines Sockelumlaufportals zum Klausurbereich hin erhalten; östl. daneben, in der Marienkapelle, ein gotisches Säulenportal in einem romanischen Rundbogen. Die
Außenmauern durch umlaufende Sohlbank- und Traufgesimse und durch schmale, gestufte Strebepfeiler gegliedert, an den Ecken (auch des quadratischen Chors) diagonal gestellt.
Über dem Mittelschiff Satteldach mit Sollingplattendeckung, in das über den Seitenschiffen Zwerchdächer einschneiden; der Nonnenchor auf der Südseite durch einen Dachreiter mit
barockem Helm über dem 2. Zwerchdach von O angezeigt. Die Dreiecksgiebel der Zwerchdächer durch Spitzbogenluken, Paßmotive und Kreuzblumen zurückhaltend akzentuiert. Der Giebel
der früheren nördl. Querhausfront durch eine Gesimsfolge hervorgehoben, ein im späten 15. und im 16. Jh. beliebtes Motiv des Oberwesergebiets. Die schlanken dreibahnigen
Maßwerkfenster vorwiegend mit Paßmotiven und sphärischen Vierecken im Couronnement. Unauffällige Spitzbogenportale mit profilierten Laibungskanten. Über der Nordwesttür
kleeblattförmige Nische, bekrönt von einem Spitzbogen mit Fialen, Kreuzblume und Reliefbildern der Gestirne sowie Inschrift von 1355, darin stark beschädigte Halbfigur eines
Schmerzensmannes.- Am Turm bzw. Langhaus 3 Grabplatten A. 15. Jh.
Innenraum. Die Schiffe des fünfjochigen
Langhauses von konstanter Breite und mit spitzbogigen Kreuzrippengewölben. Weit gestellte schlanke
Achteckpfeiler mit scharf geschnittenen Kämpfergesimsen; an den Wänden Konsolen, die 3 nordwestl. figürlich bzw. vegetabil ornamentiert (auch die Kämpfer der Langhauspfeiler
zeigen hier ein anderes Profil). Mehrgliedriges Rippenprofil; Scheid- und Gurtbögen durch ihre Breite leicht betont. Der an sich weiträumige Charakter des Langhauses
beeinträchtigt durch die Beibehaltung der früheren westl. Querschiffmauer im südl. Hallenschiff; in diesen beiden östl., nach W hin abgetrennten Jochen der erhöhte
Nonnenchor eingebaut (vgl. Fischbeck).- Auf der Nordseite in der unteren Hälfte des östl. Hallenjochs die Sakristei mit 4 Kreuzgewölben, deren Rippen am
Mittelpfeiler bis zum Boden herabgeführt sind (vgl. Braunschweig, Pfarrkirchen); Piscine in der Nordwand. - Das quadratische Chorjoch in der Sockelzone mit reicher Ausnischung:
Wandschränke, Piscinen sowie einfache Segmentbogennischen.
Im
Westbau differenzierte Raumgliederung, beide Untergeschosse vollständig gewölbt. Im Erdgeschoß quadratischer Zentralraum mit Kreuzgratgewölben auf
Säulendiensten (vgl. Fischbeck); ungewöhnlich die Bildung der abgesonderten Nebenräume als schmale, tonnengewölbte Kapellen mit Apsidiolen in den Ostwänden (der südl. Raum
verbaut; im N die Nicolai-Kapelle, heute Taufkapelle); die Rundbogenarkade zum Langhaus mit einer für sächsische Bauten der Zeit charakteristischen Laibungsgliederung aus
zierlichen, unten kielförmig auslaufenden Kantensäulchen und Palmettenfriesen in Kämpferhöhe. Das Emporengeschoß wieder mit einem kreuzgratgewölbten quadratischen Zentralraum,
der sich jeweils in einer großen Rundbogenarkade zum Mittelschiff und zu den schmalen, mit einhüftigen Gewölben ausgestatteten Nebenräumen öffnet (wohl nach westfälischen
Vorbildern). Treppe in der Nord- bzw. Westmauer.—
Glasfenster von 1893/94, z.T. figürlich.
Ausstattung. Wesentliche Teile erhalten: Der Hochaltar 1496 geweiht; umstritten, ob das spätgotische Schnitzwerk schon damals oder erst um 1510 geschaffen wurde;
dreiflügliges Retabel auf steinerner Predella, die mit einer zierlichen Kielbogenarkatur geschmückt ist; das mittlere, nochmals unterteilte und mit Fischblasenmaßwerk
dekorierte Arkadenpaar ist durchbrochen und mit den Wappen des Stiftes, des Propstes Johannes v. Busse und der Priorin Helene v. Brencxen geziert; die Mittelszene des gestuften
Hauptschreins mit großformatigem figurenreichen Kalvarienberg, begleitet von 4 kleinen Passionsszenen, in den Seitenflügeln je 4 weitere Passionsdarstellungen; die Flügel von 2
kleinen Tafeln mit je 2 Heiligenstatuetten bekrönt. Bemerkenswert die Variabilität und expressive Bewegtheit der Figurenkompositionen, die zusammen mit den wechselnden
architektonischen und landschaftlichen Versatzstücken jeder Szene Individualität verleihen. Die Außenseiten der Flügel bemalt mit den großen Sitzfiguren der Maria und Anna, die
durch eine Brüstung von den Halbfiguren Josefs und Joachims sowie der Stifter abgesetzt sind; in der großzügigen Figurendarstellung und der detailreichen Charakterisierung der
Hintergrundslandschaft ist niederländischer Einfluß erkennbar.
Die kelchförmige
Sandsteintaufe A. 17.Jh., die vortretende Engelskopf- und Rollwerkdekoration erinnert an Ornament-Entwürfe Wendel Dietterlins. - Reich mit
Ohrmuschel- und Knorpelwerk, Engelskopfmotiven und Ziersäulchen dekorierte Kanzel M. 17. Jh., gestützt von einer großen Mosesfigur; an der Brüstung des Kanzelkorbs Christus und
die Evangelistenfiguren; auf dem mächtigen Schalldeckel Petrus. — In der östl. Chorwand
Wandschrank in Gestalt eines Trip tychons etwa 2. V. 14. Jh., mit einer
kleeblattförmig schließenden, von Wimpergen bekrönten Blendarkatur; in der rechten Arkade Relieffigur eines Engels mit geschwungener Körperkontur und reicher fließender
Gewanddrapierung (von der Figur der linken Arkade nur der Umriß vorhanden). — Daneben rundbogig schließender Wandschrank mit Beschlägen 14. Jh., sowie eine weitere Wandnische
mit Maßwerkfüllung im Bogen.- Kronleuchter dat. 1663. Schlagglocke von 1501.
Grabplatten und Epitaphe 15.-18.Jh. In der Turmhalle
Grabstein für Graf Ernst v. Schaumburg (+1524) mit lebensgroßer Reliefdarstellung des
Verstorbenen, flankiert von Wappen und Kandelabermotiven sowie für eine Olike, geb.v. Rosingen (+1625).- Hier auch ein
Grabstein der Äbtissin v. Meysenbugh
(+1729).- Prächtiges Barockepitaph des Bürgermeisters und Bildhauers Jürgen Tribbe (+1665), schwarzer Marmor und weißer Alabaster, die zentrale säulenflankierte Inschrifttafel
umschlossen von einer Fülle bizarr wuchernder Knorpelstildekorationen mit eingelassenen Putti- und allegorischen Frauengestalten.
Zahlreiche Ausstattungsstücke auf dem
Nonnenchor: Kleiner unvollständig erhaltener
Flügelaltar um 1510, im Schrein Madonna und Heiligenfiguren, die
sich durch ornamentale Gewanddrapierungen auszeichnen; die Rückseite bemalt mit der Gregorsmesse und der Darstellung Mariens im Ährenkleid.- Schlecht erhaltenes
Triumphkreuz wohl E. 12. Jh., strenger bekleideter Kruzifix (Arme und Kreuz 1906 erneuert).- Daneben schlichtes Kruzifix M. 13.Jh.— Gute Holzfigur der
thronenden Madonna gegen M. 14. Jh. — Schnitzfigur eines hl. Bischofs (Nikolaus?) 4. V. 15. Jh. — Von den kunsthandwerklichen Objekten bemerkenswert:
Antependium gegen E. 15. jh., in farbiger Wollstickerei Maria und 5 Heilige unter zierlichen Arkaden, in den breiten Rahmenborten eingefaßt von zartgliedrigen Ranken- und
Blütenmotiven. - Interessanter dreisitziger Zelebrantenstuhl A. 16. Jh., reliefierter Rankenschmuck an der Rückwand, maßwerkartige Bogenmotive und Krabbenbesatz am Baldachin. -
Lesepult und Kastenstuhl der gleichen Zeit.- Singepult 16.Jh., umgebaut als Opferstock. Im sog.
Remter Marienleuchter um 1500, Bronze.

