STRALSUND / Rathaus / Kelleranlage

Rathaus (Alter Markt). Der monumentale Backsteinbau bildet zusammen mit St. Nikolai, der Kirche des Rates, eines der städtebaulich eindrucksvollsten mittelalterlichen Ensembles Norddeutschlands. Kom­munalpolitischer Mittelpunkt und ähnlich wie in Lübeck bildhaft-monumentaler Ausdruck der frühbürgerlichen Stadtmacht, „denkmalhaft“ gesteigert durch die tiefgreifende Restaurierung in der Zeit des späten Historismus.
Die Vierflügelanlage mit schmalem Innenhof ist der Westseite der Kirche quer vorgelagert und mit einem Querdurchgang unmittelbar auf ihr Westportal bezogen. Die zum Markt gerichtete Schaufront steht in wirkungsvollem Kontrast zur niedrigen Bebauung des Platzes.
Baugeschichte
Ein Vorgängerbau im heutigen Turmbereich der Nikolaikirche vermutet. Der bestehende Bau offenbar nach einem Gesamtplan in mehreren Bauabschnitten errichtet. Die Baugeschichte im Einzelnen noch nicht vollständig geklärt. Der Kernbau mit Keller und vier Flügeln, wohl um 1309 (d), die Arbeiten ab etwa 1320 mit dem nördl. Kopfbau am Markt fortgesetzt und spätestens mit der nördl. Schaufront gegen 1340 weitgehend abgeschlossen. Im Jahre 1680 ausgebrannt und die Südfront teilweise zerstört; gleich danach Dach erneuert ( 1678 / 79 d). Um 1720 Galerieeinbau im Hof erneuert, wohl nach Plänen von N. Eosander. Die Putzfassade am Westflügel über dem Querdurchgang nach Entwurf Nienochs von 1743. Wohl 1745 die nördl. Giebelfront teilweise abgetragen und um 1750 unter Verwendung eines Risses des Stadtmaurermeisters Bencke von 1730 in Anlehnung an den urspr. Zustand vereinfacht erneuert, Laube und Saalgeschoss barockisiert; die Südfront anstelle der vermuteten urspr. Dreigiebelwand mit Traufe abgeschlossen. Bei der umfassenden Restaurierung 1881 / 82 durch E. v. Haselberg das mittelalterliche Bild der Schaufront unter bewusster Betonung der Ziegelsichtigkeit vergröbert wiederhergestellt und z. T. frei rekonstruiert, das vorn sichtbare Mauerwerk dabei vollkommen erneuert. Seit den 1970 er Jahren Sanierung und Restaurierung.
Baubeschreibung
Der Bau besteht aus dem dreigeschossigen Kernbau, dem ehem. sog. Kaufhaus, das mit zwei Längsflügeln und zwei kurzen Querflügeln unter längsgerichteten Satteldächern den Hof umschließt, und den zwei Kopfbauten an den Schmalseiten. Nur der Kopfbau am Markt mit der prachtvollen Schaufront diente urspr. als Rathaus. Hier erstmals in einer Ostseestadt der große Ratssaal (Löwenscher Saal) über der offenen Gerichtslaube angelegt wie zuvor beim Rathaus in Frankfurt/Oder nach Vorbild des Dortmunder Rathauses (um 1230 / 40 ). Der südl. Kopfbau an der Badenstraße einfacher mit schmaler Laube, das urspr. geplante Obergeschoss vermutlich nur als Galerie ausgeführt ( 1680 zerstört). Die Anlage einschließlich des Hofes mit Ausnahme der Nordlaube unterkellert. Zugänge über die Schmalseiten und den Querdurchgang zu St. Nikolai.
Äußeres: Die prächtige Schaufront in Gestalt eines Schildgiebels verdeckt die drei Dächer der dahinter liegenden Parallelflügel, in Anlehnung an frühere Lösungen bei den Rathäusern in Lübeck (Marktseite) und >> Rostock. In der mittelalterlichen Backsteinarchitektur neuartig die einheitliche Gestaltung der gesamten Fassade durch eine vom Sockel an durchgehende Pfeilergliederung. Diese vorbildlich für die Nordfassade des Lübecker Rathauses und einige Stralsunder Patrizierhäuser (z. B. Wulflamhaus, Semlower Str. 33 ). Der von den kräftig profilierten Pfeilervorlagen vertikal betonte Gesamtaufbau mit sechs Achsen in drei Zonen bis heute unverändert erhalten: Über den Spitzbogenarkaden der Laube das gleichhohe Saalgeschoss und der etwa doppelt so hohe Schildgiebel mit wimpergartigen Giebelchen zwischen Pfeilern, die in urspr. längeren Fialen mit Spitzhelmen enden; in den Wimpergen große kreisrunde Windlöcher. Einige Mauerbereiche und Detailformen vom urspr. Bau erhalten, u. a. drei Typen von Formsteinen zur Profilierung der Pfeiler und Gewände, hierbei dominieren der Randstab (seit den 1260 er Jahren in Lübeck, Heilig-Geist-Hospital) und der hier erstmals auftretende scharfe Kantenstab. Die Formen urspr. insgesamt stärker akzentuiert durch feingliedrigere, schlankere Lisenen und spitzbogige glasierte Maßwerkblenden wie beim Wulf­lamhaus ( >> Alter Markt 5 ). Die Fassade durch v. Haselberg vergröbert, dabei Regotisierung der barock überformten Arkadenzone durch verstärkende Ummantelung und spitze Bogenschlüsse; nach seinem Entwurf die Kleeblattbogenschlüsse der dreiteiligen Saalfenster in den Flachbogenblenden, urspr. vermutlich Kreuzstockfenster, wie an der westl. Längsseite erhalten. Im Schildgiebel außer den barocken überfangenden Rundbogenblendenpaaren die in enger Anlehnung an die mittelalterliche Gestalt bereits im 18. Jh. rekonstruierten kleeblattbogigen Zwillingsblenden mit Scheitelkreis und krabbenbesetzten Wimpergen, darin die von v. Haselberg nachempfundenen symbolträchtigen Sternscheiben aus Kup­ferblech, anstelle der urspr. runden Scheiben mit einer Sonne. Die urspr. überwiegend geweißten Putzgründe in den Blendenflächen durch v. Haselberg backsteinsichtig gestaltet.
Die sechsschiffige zweijochige nördl. Laube mit Kreuzrippengewölbe im Anschluss an den Kaufhausbau errichtet, u. a. über drei achteckigen Kalksteinsäulen mit Blattkapitellen, die mit denen der Lübecker Briefkapelle ( 1310 ) vergleichbar sind. Ähnliche Säulen im Keller des Kaufhauses und der Baubefund sprechen für die einheitliche Gesamtkonzeption.
Die Südfront an der Badenstraße vom 16.– 19. Jh. in Teilen verändert. Die urspr. von sechs Kreuzgratgewölben gedeckte Laube mit barock erneuerter Pfeilerreihe. Die rückwärtigen Schmalseiten der Flügelbauten im Erdgeschoss ehem. mit Fenstern und Türen (im 16. Jh. zugesetzt) und teilweise urspr. glasierten Wechselschichten. Im Obergeschoss urspr. geplanter Saal nicht ausgeführt, dafür die heutige Rückwand mit jeweils drei urspr. zu den Flügeln geöffneten Spitzbogenöffnungen; diese im 19. Jh. mit Maßwerken versehen. Die Spitzbogenfenster im darüberliegenden Geschoss nach 1680 verkürzt, mit hohem Pultdach abgedeckt und die im Verband mit den Längsflügeln stehenden ehem. Außenwände als getreppte Blendwände aufgeführt. Südfassade erst in 1. H. 19. Jh. w ieder freigelegt. Im Osten der Laube barocke Treppeneinhausung mit geschnitzten Rankenornamenten und Putten, A. 18. Jh.
Die den Hof einschließenden dreigeschossigen Flügel des Kernbaus im Erdgeschoss auf allen Seiten gleichmäßig durch schmale Rundbogenpforten in Spitzbogenblenden mit z. T. je einem zugehörigen Recht­eckfenster in breiter Spitzbogenblende (urspr. Läden) gegliedert; heute teilweise verändert, der nordöstl. Teil stärker rekonstruiert. Darüber beide Obergeschosse an den Außenseiten von einer spitzbogigen Blendenreihe übergriffen ( >> Kampischer Hof). – Die einachsige barocke Putzfassade am Querdurchgang des Westflügels von schönen Proportionen: über dem von Doppelpilastern flan­kierten spitzbogigen Durchgang mit kräftigem Architrav und gesprengtem Giebel die maßvoll von Kolossalpilastern eingefassten Obergeschossfenster, bekrönt von schlankem Volutengiebel mit geschweiftem Aufsatz; entsprechend Stralsunder Bürgerhausfassaden des 18. Jh. (z. B. Heilgeiststr. 89; Knieper­str. 3, 4 ). Der Innenhof vom barocken Galerieeinbau aus Holz geprägt: auf hohen Postamenten schlanke Säulen mit Kompositkapitellen, darüber Brüstungen mit kräftigen Flaschenbalustern. An der Nordseite eine Loggia von 1579, zusammen mit der Steintreppe und dem wohl steinernen ersten Galerieeinbau, vermutlich von J. Bar(h)oldt, 1913 eine Achse weiter in den Innenhof versetzt.
Inneres: Im Erdgeschoss der Flügelbauten insgesamt 40 ehem. von außen und vom Hof aus begehbare, urspr. flachgedeckte Räume, die als Kaufläden dienten, z. T. mit Zwischenböden. Um 1385/90 Einzug von Kreuzrippengewölben, die polychrome Bemalung wohl um 1540 / 50. In einem der nördl. Räume des Westflügels Reste von Wandmalerei mit Darstellung einer Kreuzigung auf blauem Fond, an den Seiten grün gefasst mit weißem Rautenmuster und roten vierblättrigen Blüten (Rosen?), 2. H. 14. Jh. (von späterer Einwölbung überschnitten). In der sich nördl. anschließenden Weinkammer Gewölbe und Wände des einen Joches um 1720 mit qualitätvollem, wohl italienisch beeinflusstem Bandelwerk-Stuckdekor und plastischen Köpfen versehen. Im Süden des Westflügels in der Kleinen Ratsstube (oft fälschlich als Achtmannskammer bezeichnet) Wandbespannung aus Leinen mit gemaltem Bandelwerk, 18. Jh.; in Lünetten der Längswände ältere Malereien auf Leinen, allegorische Darstellungen mit Justitia und Victoria, 1678 / 80, und Stadtansichten von 1708; ehem. Wandmalerei des 16. Jh. ins >> Johanniskloster transloziert; Gerichtsschranke um 1730, Rundbogenportal mit Pilasterrahmung, darüber Architrav und ein von Löwe und Greif gehaltenes Stadtwappen, reiches Schnitzwerk aus Akanthus und Blütengehängen. Im Ostflügel an der Südseite ehem. Achtmannskammer mit Wandschranknischen und Kaminresten sowie Rest einer figürlichen Wandmalerei um 1500. – Die von der Nordlaube ins Obergeschoss führende Treppe mit Sandsteinportal in Renaissanceformen, 1579. Das Obergeschoss des Kaufhauses im Mittelalter als Lager, die Böden der Satteldächer zur Kornspeicherung genutzt. Im nördlichsten Raum des Westflügels ehem. Ratsstube mit Stuckdecke aus dem 2. V. 18. Jh. Der Löwensche Saal über der Nordvorhalle urspr. dreischiffig mit zwei Säulen, durch v. Haselberg mit Kassettendecke aus Holz versehen und neugotisch durchgestaltet, ebenso der südl. Vorraum, mit Bildnissammlung von Bürgermeistern seit dem 16. Jh.; in den 1980 er Jahren Reste des mittelalterlichen Fußbodens unter der Dielung des Saales geborgen ( >> Johanniskloster).
Die vermutlich nach dem Vorbild des Lübecker Ratskellers (um 1240 ) angelegte gewölbte Kelleranlage ist eine der größten im Hanseraum (vergleichbar nur noch das Rathaus in Thorn/Toruń ). Sie besteht aus drei Hallen zwischen zwei Reihen quadratischer, urspr. freistehender Pfeiler aus Backstein unter dem aufgehenden Mauerwerk der Flügel­bau­ten (heute z. T. verbaut); die Hallen jeweils zweischiffig mit schlanken Achtecksäulen aus Kalkstein, darüber gebuste Kreuzgewölbe mit Bandrippen. Unter der südl. Laube Tonnenwölbung, vermutlich mittel­alterlich.

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