TÜBINGEN / Ev. Stiftskirche St. Georg / Epitaph

Ev. Stiftskirche St. Georg. Stadtbildbeherrschend auf erhöhter Terrasse am Knotenpunkt der ältesten Straßenzüge gelegen. Über den ersten Bau mit Georgspatrozinium nichts bekannt. 1191 Erhebung zur Pfarrkirche, danach Neubau. Mit Übergang an die Bebenhäuser Zisterzienser um Marienpatrozinium erweitert. Für die Universitätsgründung 1476 Verlegung des Chorherrenstifts Sindelfingen hierher und Erhebung zur Stiftskirche. Der Chor diente bis 1547 als Universitätsaula. Die Überführung der Gebeine Eberhards im Barte 1537 begründete die Grablege der württembergischen Herzöge.
Baugeschichte. Romanischer Vorgängerbau (dreischiffige Basilika). Ältester Teil der heutigen Kirche ist der Turm, noch für den Vorgängerbau vor 1411 (Glockendatum) als bescheidene Nachahmung des Turms der Reutlinger Marienkirche begonnen und 1468 bis zum Glockengeschoß gediehen. Danach zugunsten des Chorneubaus (ab 1470) unterbrochen und erst nach provisorischer Fertigstellung des Langhauses mit einem Steinhelm in reduzierter Form (dat. 1529) weitergeführt; auch dieser Turm unvollendet und um 1590 von Georg Beer mit hölzerner Helmspitze abgeschlossen. Die wasserspeierartigen Evangelistensymbole 1933 von Fritz von Graevenitz. Für den Chorneubau wurde die Terrasse auf Substruktionen erweitert. Die traditionelle Zuschreibung an Peter von Koblenz weder zeitlich noch stilistisch zu erhärten. Bald nach Baubeginn zweijochige, zweigeschossige Sakristei angefügt. (Eingeschossige äußere Sakristei erst nach Fertigstellung des Schiffes im 16. Jh.) Nach Erhebung zur Stiftskirche Langhausneubau, beginnend mit dem östlichen Teil der Südwand (dat. 1478), unter Verwendung von Material des Vorgängerbaus (romanische Tierreliefs, Bogenfries). Bauleiter war wohl „Hans Augstaindreyer, Stainmetz von Wisenstaig“ (Bildnis und Meisterzeichen im nordwestlichen Seitenschiff vermauert). Dachstuhl von Albrecht Fränel 1490. Einwölbung der Schiffe erst 1866/67 durch Christian Friedrich Leins, der den barocken Zustand von 1674 bzw. 1777 durch eine neugotische Ausstattung ersetzte. Erneuerung des Außenbaus 1932–34, Innenrestaurierung unter Beseitigung der neugotischen Ausstattung 1962–65; Versuch, die spätgotische Farbigkeit in Chor- und Kapellengewölben wiederzugewinnen. Emporen verschmälert; Orgelempore auf Betonstütze. Baubeschreibung. Dreischiffige, sechsjochige Staffelhalle mit Seitenkapellen zwischen den eingezogenen Strebepfeilern; Westturm umbaut und bis zum Glockengeschoß im Dach eingesunken. Durch gemeinsame Firstlinie der einschiffige Chor mit 5/8-Schluß eingebunden, von Strebepfeilern und schlanken Fensterbahnen vertikalisiert, Wirkung durch die Terrasse gesteigert. Chorhaupt durch Bildprogramm an den Strebepfeilern als Schauseite ausgebildet: Muttergottes (auf Prophetenkonsole) und hl. Georg (mit Kreuzwappen), Petrus (Wappen mit Tiara) und Paulus (Schweißtuch der Veronika), Johannes d. Ev. (Adlerkonsole) und Schmerzensmann (Wappen mit Leidenswerkzeugen) unter elegant geschweiften Maßwerkbaldachinen (Originale, in der Nachfolge Hans Multschers, im Innern über dem Brautportal). Umfassungsmauern des Langhauses durch flache, vorlagenartige Strebepfeilerstirnen und hohe Fenster mit Fischblasenmaßwerk. An der stadtzugewandten Nordseite mit den beiden Hauptportalen (Brautportal mit schlingrippengewölbter Vorhalle) ungewöhnliches Figurenmaßwerk mit Darstellungen der Kirchenpatrone: Radfenster mit Martyrium des hl. Georg, Madonna im Strahlenkranz, Drachenkampf des hl. Georg in hufeisenförmig erweitertem Fensterbogen, Rundfenster mit Mantelspende des hl. Martin.
Innen. Der Innenraum ist durch seine Breite und die schlanken, kämpferlosen Arkadenreihen von gedehnter Wirkung. Der steil proportionierte, stark durchfensterte Chor erscheint hinter eingezogenem Chorbogen und Lettner als Raumfolie gemäß seiner funktionalen Sonderstellung. Die Netzgewölbe im Langhaus und in den westlichen Vorhallen von Leins (Rippen aus Zement und gebranntem Ton, Gewölbefelder aus Tuffstein mit Tontöpfen). Im Chor Netzrippengewölbe in Sternfigurationen mit großen Schlußsteinen: Madonna im Strahlenkranz, Drachenkampf des hl. Georg, Wappen Graf Eberhards und seiner Gemahlin Barbara Gonzaga sowie Engel mit Georgswappen. An den schlanken Runddiensten Standbilder Christi und der Apostel auf Figurenkonsolen, um 1490. Pforte zur Sakristei (wohl Anfang 16. Jh.) in Kielbogenform mit reichem Stabwerkgewände.
Ausstattung: Verglasung im Langhaus von Emil Kiess, Hans Gottfried von Stockhausen und Wolf-Dieter Kohler, 1964. – Chorverglasung Straßburger Werkstatt des Peter Hemmel von Andlau, 1476–79; 1848–57 restauriert und die Reste auf drei Chorhauptfenster konzentriert, wobei das Achsfenster vollständig blieb. Im vierbahnigen Chorscheitelfenster (48 Einzelscheiben) über dem anbetenden Grafenpaar zu seiten des hl. Georg Szenen aus dem Marienleben. Im rechten Fenster die geistlichen Professoren des Stifts, kniend vor ihrem Schutzpatron, dem hl. Martin, darüber Georg als Drachenkämpfer. Links alttestamentarische Darstellungen mit Szenen aus Passion und Jüngstem Gericht vereinigt. Die Tübinger Chorverglasung ist die umfangreichste vor Ort erhaltene Farbverglasung der Straßburger Werkstattgemeinschaft. Sie ist in Bilderfindung und künstlerischer Meisterschaft von außerordentlicher Qualität (vgl. Kramerfenster im >> Ulmer Münster). – Lettner mit Netzrippengewölbe von Daniel Schürer, 1490; an den Schlußsteinen Büsten von Helena, Maria und Stephanus; Maßwerkbrüstung von Leins1866/67 erneuert, 1962–64 farbig gefaßt. Vor den Bogenzwickeln Statuetten: Sebastian, Maria, Christus und weibliche Allegorie (um 1600, Ersatzfigur). – Kelchförmiger Taufstein mit reichem Maßwerkdekor, dat. 1497. – Kanzel von j (örg) a (dler), signiert und dat. 1509 (1964 um ein Joch nach Osten versetzt). Auf schlankem, gestäbtem Fuß polygonaler Korb, zu dem zwei Kränze aus Eselsrückenbögen überleiten. An der Brüstung Reliefs der Madonna und der vier Kirchenväter. Unter der Treppe mit Fischblasenmaßwerkbrüstung dünne Stütze, von der Figur eines Werkmannes umfangen. Schlanker hölzerner Kanzeldeckel in der Art spätgotischer Gesprenge. – Chorgestühl von 1491, in der Nachfolge der Syrlin-Werkstatt, nur die Wangen mit Büsten, Maß- und Blattwerkschnitzereien original. – Unter dem Lettnerbaldachin Passionsaltar mit Kreuzigung als Mittelbild, ehem. dat. 1520; auf den Flügelinnenseiten Kreuztragung und Beweinung, außen Christus am Ölberg. Traditionell Hans Leonhard Schäufelein zugeschrieben (beschädigte Bildflächen 1960 wiederhergestellt). – In der südlichen Turmnebenhalle Holzdeckel mit Madonnenrelief, Umkreis des Gregor Erhart, 1495.
Grabdenkmäler: 1550 wurde der Chor unter Herzog Christoph zur Grablege des württembergischen Herrscherhauses bis zum Tod Herzog Ludwigs (gest. 1593). 1554 Überführung der Leichname der Uracher Linie aus der Kartause Güterstein. Von den Gütersteiner Grabmälern nur die Liegefigur der Mechthild von der Pfalz (gest. 1482) erhalten, von Hans Multschernach 1450. Die Figur ihres Gemahls, Graf Ludwig (gest. 1450), im Plattenharnisch des 15. Jh. wurde 1556 von Jakob Woller mit der Figur der Gräfin auf einer mit Renaissancerankenwerk geschmückten Tumba vereinigt. – Tischgräber für Herzog Ulrich (gest. 1550), Eberhard im Barte (gest. 1496, 1537 aus Einsiedel umgebettet) und Prinzessin Anna (gest. 1530) von Joseph Schmid, 1550–55. Minutiös ausgearbeitete Details, unbewegte Gesichtszüge und starre Gesamtform kennzeichnen die Liegefiguren. – Von Leonhard Baumhauer 1560 Tischgrab für Herzog Christoph (gest. 1568); 1568–73 entstanden die Grabmäler für seine Gemahlin Anna Maria von Brandenburg-Ansbach (gest. 1589) in Witwentracht und ihren Sohn Prinz Eberhard (gest. 1568). Vorbild für das Frauengrab war die Figur Herzogin Sabinas von Bayern (gest. 1564), Gemahlin Herzog Ulrichs, von Sem Schlör, eine vorzügliche Charakterisierung der verbitterten alten Frau. – Grabtumba für Eva Christina von Mömpelgard (gest. 1575) von Christoph Jelin; ebenfalls von Jelin die Prunkgräber für Herzog Ludwig (gest. 1593) und seine erste Gemahlin, Dorothea Ursula von Baden (gest. 1583). Die Grabtumben aus dunklem Marmor, seit 1588 in Arbeit, mit dekorativer Alabasterskulptur nach theologisch-allegorischem Programm. Steif repräsentative Liegefiguren und Freiplastiken der guten Helden aus Antike und Christentum bzw. der Tugenden als Grabwächter. – Den Typus des Tischgrabes griff Georg Müller bei den Grabmälern zweier Verwandter des Herzogshauses wieder auf, Herzog Johann Georg von Schleswig-Holstein (gest. 1613) und Herzog Rudolf von Braunschweig-Lüneburg (gest. 1616). An den Chorwänden die dazugehörigen Epitaphien, darunter die Gedächtnisplatte für Eberhard im Barte, die die Universität 1496 ihrem Stifter setzte. Die Metalleinlegearbeit mit herzoglichem Wappen und seiner Devise „Attempto“ am Palmbaum wurde 1550 mit dem Epitaph für Herzog Ulrich in einem Renaissancerahmen von Schmid vereinigt. – Neben den Tumben der herzoglichen Grablege, zumeist von denselben Künstlern zwischen etwa 1550 und 1630, mehr als 80 Holz- und Steinepitaphien sowie Grabplatten, von der Bodenplatte mit heraldischem Schmuck über Wandgrabmäler bis zu aufwendig gerahmten Epitaphformen, z. T. mit vollplastischer Figur oder szenischer Darstellung. – Beim Wandgrab für Heinrich von Ostheim (gest. 1560) von Baumhauer wird das Motiv der Herzogstumben in trockener Weise auf die Standfigur des Ritters übertragen und von einer Ädikula mit Inschriftplatte gerahmt. Einige Epitaphien stehen in ihrer spröden Handwerklichkeit, sachlichen Wiedergabe und im Festhalten am einmal gefundenen Typus für die konservative Haltung bis weit in die 70er Jahre des 16. Jh. Mit dem Auftreten von Jelin fanden Motive des niederländischen Manierismus Eingang in die Epitaphien: mehrstufiger Gesamtaufbau, dekorative Ornamentik sowie religiös lehrhafte Darstellungen mit Landschaftshintergründen. Wandepitaph für den kaiserlichen Rat Wolfgang Breuning (gest. 1563), Jelinum 1577, mit Schrifttafel in Säulenrahmung zwischen Alabasterreliefs der Auferstehung und des Jonaswunders. – Epitaph für Prof. Jakob Schegk (gest. 1587), in einer Hermenädikula Kreuzigung und Auferstehung vor miniaturhaften Landschaftshintergründen über kniender Familie. – Wandepitaph für den Collegiaten Fritz von Schulenburg (gest. 1613) von G. Müller. In einer Bogennische zwischen rahmenden Freisäulen steht die Freiplastik des Kavaliers in lockerer Haltung. Rahmen von Relief (Auferstehung, Engelsfiguren mit Leidenswerkzeugen) bekrönt. Ähnlich gestaltet das pompöse Hänge- Epitaph für den Collegiaten Christoph Skiel von 1632. – Holzepitaph für Hans Chr. Herter von Herteneck (gest. 1614) und seine Ehefrau von Simon Schweizer. – Epitaph des Christoph Burkhard Bardili (gest. 1713), das von Putten und Allegorien umspielte Porträt von aufwendiger Säulenarchitektur gerahmt.

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