FRIEDRICHSBERG / Wohnhaus / Friedrichstr. 77

Wohnhäuser. Der alte Charakter des halb ländlichen, kleinbürgerlichen Vororts ist noch in einer Reihe kleiner Traufen- und Giebelhäuser aus dem 18./19. Jh. an der Friedrichstraße gewahrt. Vor Schloss Gottorf die weitläufigen Areale der meist im Einzelnen stark veränderten ehem. Adelshöfe. Unter diesen heben sich zwei besonders hervor:
Prinzenpalais, ehem. Görtz’sches Palais (Schleswig-Holsteinisches Landesarchiv), Gottorfstr. 6 . Ältestes Anwesen Friedrichsbergs. M. 17. Jh. Sitz des Gottorfer Amtmanns. 1702–14 in Händen des Barons Georg Heinrich v. Schlitz, gen. Görtz, der als Präsident der vormundschaftlichen Gottorfer Regierung (1709–13) eine zwielichtige politische Rolle spielte (1714 Flucht nach Schweden, dort 1719 hingerichtet). Danach bis 1850 verschiedene adelige Besitzer, darunter E. 18. Jh. der theaterbegeisterte Graf Friedrich v. Ahlefeldt-Laurvig, zuletzt Prinz Friedrich Emil August von Noer. 1864 Hauptquartier von General de Meza, Oberbefehlshaber der dänischen Truppen. 1980–89 durchgreifend auf den Bestand um 1800 restauriert und dem Neubau des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs im rückwärtigen Garten verbunden (Architekt H. v. Bassewitz, Hamburg).
Zweigeschossige Dreiflügelanlage mit tiefem Ehrenhof, von der Straße durch einen wiederhergestellten Wassergraben getrennt.
Hauptbau in der Substanz barock: 13 Achsen breit mit dreiachsigem, angedeutetem Mittelrisalit, hohes Walmdach, Eckrustika, geschossteilendes Gesims, Kranzgesims und gerade Sandsteinverdachungen über den Fenstern. Zwerchhaus mit hohem Dreieckgiebel über dem Mittelrisalit A. 18. Jh. erneuert. Veränderungen um 1800: Sandsteinportal über Auffahrt (beides 1989 rekonstruiert, Wappen v. Ahlefeldt-Laurvig durch Landeswappen ersetzt), Zopfstiltür, Fensterteilung, schwarz glasierte Dachpfannen (erneuert), Fassadenputz, einheitlicher ockerfarbener Anstrich (urspr. rot mit grauen Gliederungen) aller Gebäude.
Inneres: In der Mitte Eingangshalle, urspr. in ganzer Haustiefe und durch beide Geschosse geführt mit Repräsentationstreppe und umlaufender Galerie im Obergeschoss (der spätbarocke Treppenhallentypus im Günderothschen Hof erhalten). Einzug der Flachdecke zur Einrichtung eines Festsaals im oberen Hallenteil und Abtrennung eines beengten Treppenhauses vor 1750. Dieses 1865 erweitert und 1985 durch halbrunden Treppenhausanbau mit zweitem Eingang an der Gartenseite neu gestaltet. – Fragment einer bemalten Bretterdecke um 1720 aus unbekanntem Zusammenhang im Hause unter der Hallendecke montiert. Im Deckenspiegel drei Frauen und Putten auf Wolken mit Blumengirlanden, Bandelwerkrahmen. Im Erdgeschoss die barocke Raumaufteilung mit zwei Raumfluchten en filade beiderseits der Halle erhalten. Türen und Paneele (erneuert) hier, wie im ganzen Hause um 1800. – Obergeschoss: Im südwestl. Eckkabinett farbig gefasste schwere Stuckdecke des frühen 18. Jh., wohl Mogia-Werkstatt, mit Eckmuscheln und Akanthusrahmen: dunkelbrauner Fonds, metallische Auflagen (vgl. Stuckdecken im Herrenhaus Steinhorst)¸ geschweift gerahmtes Spiegelgemälde: Venus überreicht Aeneas die von Vulkan geschmiedeten Waffen (gleiches Thema in der Halle des Herrenhauses Hasselburg), zugehöriger Eckkamin. – Festsaal überhöht von hölzernem Muldengewölbe im Dachraum mit stuckierten Eckmuscheln vor 1750. Wandgliederung durch korinthische Pilaster und zwei einander an den Längsseiten gegenüberliegende Kaminrisalite mit Spiegeln um 1800, die nördl. Seite weitgehend rekonstruiert. Zu gleicher Zeit Einrichtung eines zweiten südl. anschließenden Saales mit Muldengewölbe über kräftigem Konsolgesims und stuckierten Lorbeergirlanden in den Kehlen.
Nördl. ehem. Remisenflügel, zweigeschossig, niedriger als der Hauptbau mit Walmdach, Eckrustika und drei rekonstruierten Rundbogenportalen in angedeutetem Mittelrisalit, barock. Der gegenüberliegende Flügel in gleicher Form an Stelle eines Fachwerkflügels, der älter als die Anlage war, als Restaurierungswerkstatt des Archivs erneuert. – Archivneubau an Südseite des rückwärtigen Gartens, Magazin mit Besuchersaal und Büros, dem Palais durch eine Glas-Stahlbrücke übereck verbunden.
Günderothscher Hof (Städt. Museum), Friedrichstr. 7–11 . Das ehem. stattliche, 1823 aufgeteilte Anwesen mit den Privilegien eines adeligen Hofes geht auf eine Schenkung Herzog Friedrichs III. an seinen Kammerdiener und Bauinspektor J. Hecklauer im Jahre 1634 zurück. Dieser errichtete hier ein Gästehaus für ausländische Gesandte, das nach seinem Tode (1652) zunächst als vornehmer Gasthof „Der Prinz“ weitergeführt wurde. Später Adelshof. Unter den adeligen Besitzern für die Baugeschichte von Bedeutung der herzogliche Oberstallmeister Friedrich v. Günderoth (1674–1703) und Joachim v. Brockdorff auf Noer (wohl 1761–64). Geräumige, längsrechteckige, allseitig umbaute Hofanlage mit kleinem, im Norden (links) anschließendem Nebenhof.
Hauptgebäude zwischen 1634 und vor 1641 von J. Hecklauer errichtet. Stattliches Backsteintraufenhaus mit zwei Hauptgeschossen, einem halbhohen Zwischengeschoss und Satteldach. Gliederung schlicht nach holländischer Art durch Flachbogenblenden, die je ein Fenster eng umschließen, und Zieranker in Höhe der Geschossdecken. Der rote Farbanstrich entspricht dem urspr. Befund. In der Mitte der breiten Hoffront kleines, rundbogiges Portal über geschweifter Freitreppe, beiderseits je vier Fensterachsen. An den vierachsigen Schmalseiten wandpfeilerartig vortretende Firstschornsteine. In der Mitte der Rückfront haushoher, rechteckiger Treppenturm mit Satteldach, seitlich je ein Abtrittpfeiler. Die bis unter das Zwischengeschoss reichenden Stützpfeiler aus dem mittleren 19. Jh. im Zusammenhang mit einer jüngst wieder beseitigten Einwölbung des Erdgeschosses. – In der Hausmitte bemerkenswerte, durch Erd- und Zwischengeschoss geführte Halle. Aus der Erbauungszeit die ehem. an drei Seiten umlaufende Holzgalerie mit Traillengeländer. Die Unterseite der Galerie gleichzeitig stuckiert: strenge Feldergliederung mit sparsamen Knorpelwerkornamenten, Diamanten und Früchtearrangements. Ähnliche Stuckaturen zwischen den Tragebalken der ehem. Holzbalkendecke z. Z. abgenommen. Die Geschosse wurden urspr. nur durch die Wendeltreppe im Treppenturm verbunden. In den frühen 1760er Jahren (vor 1764) Einbau der repräsentativen Holztreppe in den hinteren Teil der Halle, dreiläufig, mit zwei Armen und gemeinsamem, breitem, geschweiftem Anstieg. Geländer aus gesägten Docken. – Obergeschosstür am Treppenturm in geschnitztem Knorpelwerkrahmen aus der Erbauungszeit des Hauses. Gewölbte Keller.
Torhaus an der Straße, 1675 erbaut. Zweigeschossiger Torturm aus Backstein, quadratisch, mit niedrigem Zeltdach. Rundbogige Durchfahrt von dorischen Pilastern mit geradem Gebälk gerahmt. Darüber an der Straßenseite große, von Löwen gehaltene Wappenkartusche (v. Brockdorff-Wappen) über einer Inschrifttafel mit Datum 1761, Sandstein. Die beiden eingeschossigen Flankengebäude 1827 und 1932 erneuert. – Beiderseits des Hofes zwei zweigeschossige Fachwerk-Nebengebäude. Das rechte 1764 als Pferdestall genannt, das linke Hauptbau des ehem. zugehörigen, dreiseitig umbauten Nebenhofs (Kleinberg 2, 2 a–b), wohl aus dem späten 18. Jh.
Unter den Bürgerhäusern hervorzuheben:
Nr. 36. 1708 als eingeschossiges Fachwerktraufenhaus für den Kammerherrn Gackenholtz erbaut. Im 3. V. 18. Jh. Straßenfront massiv in Ziegeln erneuert mit dreiachsigem Mittelrisalit von zwei Geschossen und Schweifgiebel in Mansardform; Gliederung durch Wandstreifen, ornamentierte Blenden und große, gerahmte Kreuzstockfenster (rekonstruiert).
Nr. 77. Beherrschend an platzartig erweiterter Straßenbiegung zweigeschossiges Backsteintraufenhaus des frühen 18. Jh. auf hohem Kellersockel, mit Krüppelwalmdach, Rustikastreifengliederung und Mittelportal mit spätbarocker Haustür über Treppe. Rote Farbfassung mit weißer Gliederung nach Befund.

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