KLEVE / Kath. Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt

Kath. Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt, ehem. Stiftskirche ( Kirchplatz ): Dreischiffige, kreuzrippengewölbte Pseudobasilika von sechs Jochen aus Backstein und Tuff, mit dreijochigem Hauptchor, dessen 5/8-Schluss um ein Joch über die diagonal gestellten, polygonal gebrochenen Nebenchöre hinausgeschoben ist, und Zweiturmfassade im Westen.
Baugeschichte: Im 14. Jh. als neue Stiftskirche in zwei Bauabschnitten errichtet anstelle der romanischen Pfarrkirche. Diese durch Ausgrabung nachgewiesen als dreischiffiger Bau mit Dreiapsidenschluss und vorgesetztem Westturm. An das romanische Langhaus bis 1356 der Stiftschor angebaut, bis 1394 das Langhaus und der nördl. Turm vollendet, die Arbeiten am Südturm 1426 abgeschlossen. Als Baumeister Konrad von Kleve (Konrad Kovelenz, bis 1389 in Archivalien) und anschließend ein Meister Johann (wohl Johann Housteyn) überliefert. Konrad von Kleve und seine Steinmetzen waren gleichzeitig auch an der Stiftskirche in >> Xanten tätig, deren Doppelturmfassade und Grundrissdisposition der Chöre inspirierend gewesen sind. 1481/82 westl. an die Sakristei die Michaelskapelle angefügt. 1821 die zweigeschossige südl. Vorhalle geschlossen und als Kapelle eingerichtet. 1845–69 umfassende bauliche Instandsetzungen unter Hinzuziehung des Kölner Dombaumeisters E. F. Zwirner, Leitung der Instandsetzungsarbeiten seit 1856 durch F. Pelzer. Um 1850 die an den nördl. Nebenchor anschließende zweigeschossige alte Sakristei und die Michaelskapelle mit einem gemeinsamen Walmdach versehen. 1885 die nördl. Vorhalle durchgreifend rest., ebenso 1964. – Die Michaelskapelle 1925 als Grabkapelle der Grafen und Herzöge von Kleve eingerichtet, deren Grabdenkmäler urspr. im Chor der Stiftskirche gestanden hatten. 1944/45 die Westfassade mit den beiden Türmen, der südl. Nebenchor und der anschließende Teil des Hauptchors, sämtliche Dächer und Gewölbe sowie die meisten Strebebögen und Fenstermaßwerke stark zerstört, entsprechend groß der Anteil des Wiederaufbaus am heutigen Bauwerk. Die neue Sakristei auf der Südseite der Kirche von 1959.
Baubeschreibung: Die zweigeschossige Westfassade des Mittelschiffs mit Doppelportal und Portalfenster in gemeinsamer Spitzbogennische, vierbahnigem Maßwerkfenster darüber und Abschluss durch einen mit Blendmaßwerk reich gegliederten Giebel. Flankiert wird sie von den beiden einander entsprechenden Westtürmen, viergeschossig über hohem Sockel, geschlossen mit achtseitigen Schieferpyramiden. Die schlanken Strebepfeiler an den Ecken reichen bis in die Mitte des jeweils dritten Geschosses. Langhaus und Chor mit umlaufender Horizontalgliederung durch niedrige Sockelzone und Gesims in Höhe der Fenstersohlbänke; über durchlaufenden Dachgesimsen sind Mittelschiff und Hauptchor mit steilem Satteldach, Seitenschiffe und Nebenchöre mit Pultdächern geschlossen. Die Seitenschiffe durch dreibahnige Maßwerkfenster und abgetreppte Strebepfeiler gegliedert, deren Aufsätze den einfachen Strebebögen als Widerlager dienen. Der niedrige Obergaden des Mittelschiffs fensterlos, die spitzbogigen Scheinöffnungen auf der Südseite nachträglich vorgeblendet. Im Polygon des Hauptchors zwischen abgetreppten Strebepfeilern große dreibahnige Fenster, deren Maßwerk einem Fensterpaar im Chorobergaden der >> Xantener Viktorskirche ähnlich ist. Dem Langhaus auf der Nord- und Südseite jeweils eine Vorhalle angebaut. – Von dem E. 14. Jh. entstandenen Skulpturenschmuck des Portals in der nördl. Vorhalle, das mit dem Fenster in einer Spitzbogennische zusammengefasst ist, heute nur noch ein thronender Prophet und zwei Propheten mit Spruchbändern, ähnlich denen am Brüsseler Rathaus, als Konsolen erhalten.
Innen zweizoniger Wandaufbau des Mittelschiffs. Arkaden auf starken Rundpfeilern mit hoher Basis und niedrigem Blattkranz als Kapitell, im Obergaden darüber lichtlose Maßwerkblenden, zwischen den Zonen ein schmales Gesims, das von den Dienstbündeln der Kreuzrippengewölbe im Mittelschiff durchschnitten wird. Das westl. Joch mit den beiden Turmhallen ist ähnlich den anschließenden Langhausjochen gestaltet. In den drei Jochen des ehem. Stiftschors sind die Pfeiler durch doppelte Blattkränze ausgezeichnet. Durch das Fehlen des Lettners starke Längswirkung der insgesamt neun Joche von Chor und Langhaus. Im Gegensatz zum Langhaus, das nur durch die Seitenschiffe belichtet wird, wirkt der Hauptchor mit den hohen Fenstern der Hauptapsis sehr hell. – In der Nordwand des Chorpolygons ein als Wandnische in architektonischer Rahmung ausgeführter Reliquienschrank, 1. V. 15. Jh. Über einer niedrigen, mit einem Stichbogen geschlossenen Nische eine weitere hochrechteckige mit Mittelpfosten, die Nischen mit Gittern verschlossen. Außen Strebepfeiler mit Fialen, daran Konsolen für Figürchen, von denen der Torso einer Madonnenfigur erhalten ist. Die Baldachine über den beiden hochrechteckigen Kompartimenten und die Wandgemälde mit vier knienden Klever Grafen zu Seiten des Reliquienschranks verloren. – Schlusssteine aus Tuff, durch Kriegseinwirkung erheblich beschädigt, Reste alter Farbfassung; vier zerstört. Im Mittelschiff zeigen sie Apostel, über dem Standort des ehem. Pfarraltars vor dem Lettner den Gnadenstuhl, im Chorpolygon Christus als Weltenrichter. Die Schlusssteine in den Seitenschiffen mit Darstellungen von Heiligen.
Ausstattung: Auf dem Hochaltar der Schrein des Marienretabels, ein in der Mitte rechteckig ausgezogener Schnitzschrein auf ebenfalls ausgezogener Predella, 1513–15 entworfen von H. Douwerman, fertig gestellt durch D. Holthuys und H. van Holt. 1944 schwer beschädigt, die bemalten Flügel zerstört. In der überhöhten Mitte eine ältere thronende Madonna, kölnisch, 2. V. 14. Jh., zu deren würdiger Umrahmung das Retabel geschaffen worden ist. In der Predella Darstellung der Wurzel Jesse, die sich in der den Schrein umgebenden Hohlkehle fortsetzt. Über der Madonna Mariä Himmelfahrt, auf dem Schreinkasten die Marienkrönung. In den Seiten des Schreins links die Anbetung der Hirten und rechts die Hll. Drei Könige. Die urspr. holzsichtige Schnitzerei 1845 von J. Stephan gefasst; bei Wiederherstellung nach 1945 die Fassung in Teilen entfernt; geschnitzte Ergänzungen ungefasst. – Im südl. Seitenchor Passionsretabel, ein geschnitzter Antwerpener Altarschrein, um 1525/35; Predella und Flügel verloren. Außergewöhnliches Werk unter den in großer Zahl erhaltenen Antwerpener Retabeln. Der Aufbau des in der Mitte ausgezogenen Schreins und der Figurenstil stehen noch in der spätgotischen Tradition, die architektonischen Elemente und die Dekorationen dagegen in reinen Renaissanceformen. In der überhöhten Mitte die Kreuzigung, flankiert von Kreuztragung und Grablegung, in den unteren Fächern die Wurzel Jesse. – Im Zelebrationsaltar, 1974 von F. Poorten, befinden sich vier Statuetten, die aus dem 1356 geweihten Hochaltar stammen, zwei Apostel aus dem 14. Jh., Christus und Petrus Ergänzungen des 16. Jh.
Achtseitiger Taufstein, Sandstein, 2. H. 15. Jh.; im oberen Bereich ergänzt.
Im Chor hinter dem Hochaltar acht teilweise sehr beschädigte Steinfiguren, Christus, die hl. Agnes und weitere weibliche Heilige, deren Attribute verloren. Wahrscheinlich von dem 1380 erwähnten Lettner der Stiftskirche, 1956 bei einer Ausgrabung gefunden. Die von verschiedenen Bildhauern geschaffenen Standfiguren weisen südniederländische bzw. kölnische Einflüsse auf. – Holzskulpturen: In Nischen in der Südwand Christus und die zwölf Apostel, wohl aus einem Retabel E. 14. Jh., vgl. z. B. das aus der Klosterkirche in Varlar bei Coesfeld stammende Retabel im Landesmuseum Münster. Die Attribute im 19. Jh. ergänzt, Christus und Simon nach dem II. WK hinzugefügt. – Hll. Kosmas und Damian, M. 15. Jh.; Fassung verloren. – Muttergottes und hl. Johannes Ev., um 1510, H. Douwerman zugeschrieben; Fassung verloren. – In der nördl. Turmhalle Christus im Grab, um 1490/1500, und hölzernes Vesperbild A. 16. Jh., beide D. Holthuys zugeschrieben; Fassung verloren. – Im nördl. Seitenchor Kruzifixus und trauernder Johannes Ev., um 1720, der Werkstatt des G. de Grupello zugeschrieben.
Im südl. Nebenchor steinernes Epitaph des Dechanten Baltasar Diestelhuysen († 1502), D. Holthuys zugeschrieben. Über der niedrigen Sockelplatte mit der Inschrift in rechteckiger Nische von Engeln gekrönt die thronende Muttergottes, die dem hl. Lukas links von ihr Modell sitzt, während dieser ihr den knienden Stifter empfiehlt. Rechts die hl. Katharina. In wesentlich kleinerem Maßstab rechts und links auf Konsolen sowie in der aufwendigen Baldachinzone weitere Heilige. – In der alten Sakristei am nördl. Seitenchor und der angrenzenden Michaelskapelle Grabmale des klevischen Fürstenhauses, im II. WK schwer beschädigtes Grabmal des Grafen Arnold II. († 1150) und seiner Gemahlin Ida von BrabantA. 14. Jh., auf Umwegen aus der ehem. Klosterkirche in >> Bedburg überführt und 1903 durch den Bildhauer A. Mormann aus Wiedenbrück aus ca. 200 Einzelfragmenten rekonstruiert. Sandstein-Tumba mit den Figuren der Verstorbenen auf der Deckplatte, deren architektonische Rahmung weitgehend ergänzt ist; die Liegefiguren in Typus und Stil nahe verwandt dem Doppelgrab des Otto III. von Ravensberg und seiner Gemahlin Hedwig von der Lippe in der Marienkirche in Bielefeld. – Grabmal des Grafen Adolf I. († 1394) und seiner Gemahlin Margareta von Berg († 1425), urspr. in der Mitte des Stiftschors aufgestellt. Die Tumba aus Sandstein mit Maßwerkblenden, in denen anstelle der üblichen Pleurants Statuetten der sechzehn Kinder des Paares, der thronende Christus und der Gnadenstuhl aufgestellt waren; auf der Deckplatte vorzügliche Figuren der Verstorbenen in burgundischer Tracht, zu ihren Häuptern Baldachine, bei den Füßen des Grafen der klevische Karfunkelschild, bei der Gräfin der bergische Löwe mit den Wappen Kleve-Mark und Berg-Jülich, um 1400. – Grabmal des Herzogs Johann I. († 1481) und seiner Gemahlin Elisabeth von Burgund († 1483), um 1480/90 von W. Loeman. Der Sockel aus Blaustein ist mit gravierten und vergoldeten Kupferplatten mit den Ahnenwappen mit Helmzier verkleidet, deren Gründe z. T. farbig ausgefüllt sind. Auf der gravierten Deckplatte unter spätgotischen Baldachinen die Liegefiguren der Verstorbenen, auf den Seitenplatten sechzehn Ahnenwappen mit Helmzier. Dem Doppelgrab nahe verwandt das ebenfalls von Loeman geschaffene Grabmal der Katharina von Bourbon in der St. Stevens Kerk in Nimwegen, aus Loemans Werkstatt auch eine Messing-Grabplatte in der kath. Pfarrkirche St. Maria Magdalena in >> Geldern. – Epitaph des Herzogs Johann II. († 1521) und seiner Gemahlin Mechthild von Hessen († 1505), A. 16. Jh. von Loeman. Aus mehreren Kupfertafeln zusammengesetzte Darstellung des Vesperbilds zwischen den Wappen Kleve-Mark und Hessen-Katzenellenbogen. In der Zone darunter der Graf, empfohlen von dem hl. Johannes Ev., und die Gräfin mit der hl. Elisabeth. Die Inschrifttafel später und von einem anderen Meister.

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