NEERSEN / Wallfahrtskapelle Klein-Jerusalem
Wallfahrtskapelle Klein-Jerusalem (
Vynhovenplatz
): Einschiffige, zweigeschossige Backsteinkapelle,
1656, auf zweistufigem künstlichem Erdhügel mit
dreiseitigem Chorschluss im Osten. Eingang zum Obergeschoss über Freitreppe
in der Mitte der Südseite; westl. angebaut eine Loretokapelle, ockerfarben
geschlämmt. Das Bauwerk mit seinen Nachbildungen der palästinensischen
Gnadenorte Bethlehem und Jerusalem gehört zu den selten erhaltenen barocken
Abbildungsarchitekturen und ist trotz Veränderungen im 19./20. Jh. ein
bedeutendes Zeugnis rheinischer Volksfrömmigkeit.
Gestiftet vom Geistlichen Gerhard Vynhoven, angeregt
durch seine Pilgerreise 1625–28 zu den Heiligen Stätten in Palästina. 1772
das Patronatsrecht an das Neersener Franziskanerkloster gelangt. Bis 1774 Kapelle nach Westen verlängert,
erhöht und mit großen Rundbogenfenstern und rundbogigem Eingangsportal unter
geschweiftem Dach versehen, Innenraum der Oberkirche neu gestaltet. An der
Eingangstreppe des 17. Jh. steinerne Inschrift, die
den Erbauer und das Jahr
1656
nennt (Kopie, Original in der Geburtsgrotte der Unterkirche); im Bogenfeld
des Eingangsportals
Wappen der Franziskaner und Inschrift mit
Baudatum 1772.
Der Innenraum der Oberkirche mit stark gedrücktem Tonnengewölbe über
Wandpilastern, die rosafarbene Marmorierung neuerdings nach Befundresten
rekonstruiert. Im Westen des Kirchenraums freistehend die Nachbildung des
Hl. Grabes, ein
1654
und
1661
bez. Fachwerkbau aus Vorkapelle und polygonaler, von Säulenarkaden
umstellter Grabkapelle, die von sechsseitiger Laterne bekrönt wird. An die
Vorderfront zu Seiten des Eingangs zwei Wachsoldaten gemalt, die auf den
gemauerten Bänken zu sitzen scheinen; in der Vorkapelle Gemälde der Frauen
und Engel am Grabe; in der Grabkapelle Sarkophag mit der Holzskulptur des
Leichnams Christi und darüber Gemälde des Auferstandenen. – Seit
1772
im Altarraum aufgestellt der vielfigurige
Kalvarienberg mit
Holzskulpturen verschiedener Epochen, urspr. in der Saalmitte mit
wechselnder Figurenanordnung aufgebaut. Von einer
Kreuzigungsgruppe, die um 1510/20 im Kölner
Werkstattkreis des Meisters der von Carben’schen
Gedächtnisstiftung entstanden ist, stammen Maria, Johannes
und die Frauenfigur rechts; der
Korpus Christi folgt
spätgotischer Tradition, ist aber wohl mit dem Kapellenbau 1656
entstanden. Von der Umgestaltung des Kalvarienbergs durch O. Mengelberg 1878 die Figuren der Schächer,
einer Frau und der am Kreuzstamm knienden Maria Magdalena. Die
Figur eines Ritterheiligen, M. 18. Jh.,
fungiert erst seit neuerer Zeit als Longinus. – Vor dem Kalvarienberg führen
Treppen in eine Kapelle unter dem Altarraum, die Vynhoven als Josefskapelle
geplant hatte, und in die aus mehreren Räumen bestehende Unterkirche. Der
tonnengewölbte Hauptsaal mit halbrunder Ostapsis bildet die Geburtsgrotte in
Bethlehem ab; in der Apsis ist der Geburtsort Jesu durch Reliefstein mit
Sonne in Strahlenkranz als Symbol Christi bezeichnet; an den Wänden stehen
gemauerte Kniebänke und ein gemauerter Priestersitz; die
Ausmalung des Saals mit Vorhang an den Wänden, Putten und
Sternen im Gewölbe 1980–82 nach Befund
ergänzt. In die Wand eingelassen
Epitaph des
Gerhard Vynhoven († 1674), der in der
Mitte der Geburtsgrotte beigesetzt ist. Wie in Bethlehem ist die
Geburtsgrotte an der Südseite begleitet von der Krippenkapelle mit Krippe
Jesu und Altar der Hll. Drei Könige sowie der Kapelle der Unschuldigen
Kinder (später Josefskapelle); an der Nordseite der hl. Hieronymus, Paula
und Eusebius, die ihr Leben am Geburtsort Jesu verbracht haben. Der
Geburtsgrotte westl. vorgelagert ein
1772
angebauter Raum, der urspr. das Haus Nazareth abbildete,
1934
aber zur Marienkapelle umgebaut worden ist. – Die
Kreuzwegstationen in dem eingefriedeten Wallfahrtsbezirk
2. H. 19. Jh., die steinerne neugotische
Kreuzigungsgruppe auf dem Außenaltar von
1910.
