NEUENHEERSE / Ehem. Stiftskirche St. Saturnina / Westbau

Ehem. Stiftskirche St. Saturnina, jetzt kath. Pfarrkirche ( Stiftsstr. 4 ): Hohe kreuzförmige Anlage aus dreischiffigem, dreijochigen Langhaus, ausladendem Querhaus und einem zweijochigen, gerade geschlossenen Chor mit östl. angrenzender Kapelle St. Lamberti; im Winkel zwischen Südquerhaus und Chor zweigeschossiger Bau für Sakristei und Marienkapelle, am Nordseitenschiff Eingangshalle, sog. Leichhaus. Charakteristischer Westbau aus Mittelbau mit flankierenden Rundtürmen und rechteckigen Annexen. Gemischte Mauertechnik aus Bruchstein sowie Eckeinfassungen und Gliederungselementen aus Quadern.
Baugeschichte: Aus der Gründungszeit Fundamente einer Querhausbasilika ergraben. Für Bischof Unwan (918–935) Weihe eines Kirchenbaus bezeugt. Im 11. Jh. von West nach Ost Neubau: Der Westbau zwischen 1014 und spätestens 1058 im Anschluss an ein älteres Langhaus errichtet, dieses im 3. Dr. 11. Jh. durch eine flach gedeckte Säulenbasilika, die einzige sicher nachweisbare in Westfalen, ersetzt; um oder bald nach 1100 die Ostteile mit Querhaus, Sakristei, Chor und zugehörigen Krypten neu aufgeführt, letztere unter Einbeziehung älterer Teile im Westen (Confessio). Nach Brand 1165 Chor und Querhaus eingewölbt, Frauenempore und Kapitelsaal ins Südquerhaus verlegt (St. Bonifatius in >> Warendorf-Freckenhorst), Lambertikapelle erneuert. In den urspr. offenen Mittelraum des Westbaus dicke Stützmauern eingebracht und durch zwei neue Geschosse zu Glockenturm ausgebaut. Nach 1297 bis 1. H. 14. Jh. Mittel- und Südseitenschiff zur Halle umgebaut, Nordseitenschiff im gebundenen System eingewölbt. Gewölbe im Querhaus erneuert, Kapitelsaal umgebaut. 1693–98 Höherlegung des Fußbodens im Langhaus, die Krypta mit Treppenanlage verschlossen; Chorgewölbe in Backstein erneuert, Fenster vergrößert, Strebepfeiler neu aufgemauert (bez. 1693). 1732 (bez.) Mauerkronen des Langhauses erhöht. 1789–93 neues Dach, vermutlich zur gleichen Zeit über dem Nordseitenschiff der 1888 wieder entfernte Kornboden aufgesetzt. 1797 anstelle eines Pyramidenhelms mit Dachreiter gestufte Haube mit Laterne aufgebracht. Westseite des Mittelturms neu mit Bruchstein verkleidet. 1855 Instandsetzungen von Kirchenraum und Krypta. 1908 Treppentürme wegen Baufälligkeit neu aufgeführt, die unteren acht Meter des nördl. noch urspr. Bestand. 1911/12 Putz entfernt. Letzte Instandsetzung 1991–94.
Blockhafter Westbau mit hohem Mittelturm; die Treppentürme mit den angrenzenden Fassaden fluchtend. An den Treppentürmen dreigeschossiges Lisenensystem, am Hauptturm Reste einer ähnlichen Gliederung. In den oberen drei Geschossen je Seite drei, jetzt z. T. vermauerte rundbogige Schallfenster mit eingestellter Doppelarkade auf Würfelkapitellen, darunter wiederverwendete Stücke des 11. Jh. – In seiner urspr. Gestalt mit wesentlich niedrigerem Mittelbau (Höhe der Eckquaderung im Nordosten) und unverbautem, annähernd quadratischen Kernraum aus flach gedecktem Untergeschoss und hohem Emporengeschoss einer Gruppe ottonischer Westbauten in >> Paderborn (Meinwerk-Dom), St. Bonifatius in >> Warendorf-Freckenhorst, Oberkaufungen (Hessen) und Gernrode (Sachsen-Anhalt) zuzurechnen. Die Turmräume urspr. in Dreierarkaden zum Langhaus, in Doppelarkaden zu den Annexen geöffnet; heute in den Erdgeschosswänden z. T. mit Kapitellen sichtbar, im nördl. Annex freigelegt. In den Einzelformen enge Bezüge zum Paderborner Dom.
Langhaus und Chor in Grundriss und Kubatur bis auf das erhöhte Südseitenschiff vom Bau des 11. und 12. Jh. bestimmt. Rundum gestufte Strebepfeiler mit Wasserschlägen. Sockelprofil am Chor mit engen Bezügen zum >> Paderborner Dom (Westquerhaus, Südwestecke). Wie in den Annexen des Westbaus in der Ostwand von Chor und Südquerhaus sowie in der Nordwand des Hochschiffes vermauerte romanische Fenster. Die Fenster in Lang- und Querhaus 14. Jh., z. T. mit Maßwerk, an der Nordseite zweibahnig mit Vierblättern, Rosenfenster mit Dreipässen, im Nordquerhaus dreibahnig mit Vierpassformen. Barockportale, am Sakristeibau bez. 1668, an der Südseite und am Leichhaus bez. 1695 bzw. 1703. Westl. des Südportals vermauerte gotische Türöffnung entsprechend dem mittelalterlichen Bodenniveau.
Innen: Langhaus aus zweischiffiger gotischer Halle und niedrigem Nordseitenschiff der romanischen Säulenbasilika. Die Halle mit Kreuzgratgewölben sowie spitzbogigen Gurt- und Scheidbogenunterzügen über kräftigen Achteckpfeilern und mächtigen Konsolen; Vorlagen zum Vierungsbogen auf viertelkreisrunden Konsolen abgefangen. Die nördl. Säulenarkade des späten 11. Jh. bis zu 60 cm im Boden steckend. Die Schilde der vermutlich älteren Würfelkapitelle wohl nachträglich mit Masken, Tier- und Pflanzenmotiven in Flachrelief verziert (s. u. Krypta; vgl. auch Bad Hersfeld, Hessen). In der Arkatur Brandspuren von 1165. Das Seitenschiff kreuzgratgewölbt. Die Achteckpfeiler so vor die Arkatur gestellt, dass ein Stützenwechsel entsteht. – Raumfassung des 14. Jh. mit grün gequaderten Pfeilern und Bögen und gemalten Gratbändern, letztere rekonstruiert, Schlussstein mit Markuslöwen. – Die im Wesentlichen um 1100 entstandenen Ostteile bis auf das Nordquerhaus höher liegend als das Langhaus: Vierung und Chor über der Krypta, das Südquerhaus als ehem. Frauenempore über dem Kapitelsaal. Ausladendes Querhaus aus rechteckigen Jochen mit unterschiedlichen Rippengewölben wohl noch des 13. Jh., im Nordquerhaus nach Westen auf Kopfkonsolen, im Südquerhaus gebust auf figürlichem Kämpferfries. Vierungsjoch rechteckig mit urspr. Gratgewölbe. Chorjoche durch Triumphbogen abgeschnürt und durch Vorlagen mit Eckstab sowie Gurt- und Schildbogenunterzügen kräftig untergliedert, im Kämpfer Taustab und Köpfe.
Krypta: Heute vom Nordquerhaus zugängliche, dreischiffige Säulenhalle von urspr. sechs Jochen mit gurtlosen Kreuzgratgewölben, durch zwei Rechteckpfeiler mit Halbsäulen in Vierungs- und Chorkrypta unterteilt. In Raumauffassung und Einzelformen der >> Paderborner Domkrypta vergleichbar. Würfelkapitelle mit reicher Kämpferprofilierung; der sporadische Dekor wohl nachträglich eingearbeitet. Die Basen anlässlich einer Fußbodenerhöhung 1855 neu gefertigt und auf Reste der alten gesetzt. Die mächtigen, das Gewölbe durchstoßenden Wandpfeiler der Chorkrypta anlässlich der Choreinwölbung nach 1165 eingezogen, das östl. Joch 1705 durch eine dicke Stützmauer für den steinernen Hochaltar verkürzt. – Westl. vorgelagert die ältere Confessio, Kultgrabstätte der hl. Saturnina, dreiteiliger Querstollen mit Resten seitlich begleitender, ehem. offener Treppenläufe in das Langhaus, flankiert von schmaleren Seitenstollen mit urspr. ähnlichen Aufgängen in die Querhausarme. Im Typ noch den Ring- und Umgangskrypten der Karolingerzeit folgend, z. T. vergleichbar mit der ergrabenen Krypta von St. Georg und Maria in >> Vreden, nach 839.
Der Sakristeibau in beiden Geschossen zweischiffig mit gurtlosen Kreuzgratgewölben auf Säulen; wohl zeitgleich zur Krypta, aber mit einfacheren Würfelkapitellen. In der ebenerdigen Marien-, ehem. Georgskapelle stuckierte Grate und Schlusssteine des 17. Jh.
Der nach Ausweis einzelner Kämpferformen M. 11. Jh. entstandene, im 14. Jh. erneuerte Kapitelsaal quadratisch mit Kreuzgratgewölben zwischen runden Gurtbögen auf breiten, abgefasten Wandpfeilern, Konsolen und einer achtseitig gekehlten Mittelsäule. In der Westwand spitzbogige Tür zum Südseitenschiff, in der Nordwand jüngerer Zugang zur Krypta.
Lambertikapelle, in Nachfolge einer vorromanischen Chorkapelle im 3. Dr. 12. Jh. mit Durchgang zur Krypta errichtet und über niedrigen Eckvorlagen eingewölbt. Ausmalungsreste E. 12. Jh., 1965 freigelegt, u. a. Majestas Domini und Lamm Gottes. Grabstätte der Stifterin Walburga: die kurz nach ihrem Tod vor 900 aus Sandstein gefertigte Grabplatte bis 1823 in situ, 1964 im Boden aufgefunden und 1972 ähnlich einem Tumbengrab aufgestellt. Traditioneller Ort der Inthronisation der Äbtissinnen.
Ausstattung: Repräsentative Dreialtargruppe in Nachfolge der ehem. barocken Anlage des Paderborner Doms (>> Höxter-Corvey, >> Marienmünster-Münsterbrock u. a.), aufwendige Arbeiten der Jahre 1701–05 aus Marmor, Alabaster und Sandstein, Ädikularetabel mit gedrehten Säulen und Sprenggiebeln, figurenreich mit Statuen und Reliefplatten, zugeschrieben Heinrich Papen. Der Hochaltar bez. 1705, im Zentrum Himmelfahrt Mariens, flankiert von den hll. Saturnina und Fortunata. Die Seitenaltäre, bez. 1704 und 1701, in Rahmen mit Ahnenprobe der jeweiligen Stifterin. 1960 rest., Fassung nach Befund erneuert.
Im Nordquerhaus Martinsaltar, Marmor und Sandstein, um 1730 von Christophel Papen; Pilasterretabel, im Zentrum Relieftafel mit Nachbildung eines gemalten Gnadenbildes der Wallfahrtskirche Mariahilf in Passau; im Auszug die Mantelspende. Hinter dem Tabernakel ein bis in die östl. Querhauswand reichendes Reliquienfach. – In der Krypta Kreuzaltar aus ungefasstem Sandstein, Kalvarienberg auf Sarkophagmensa, M. 18. Jh., gestiftet von Äbtissin Maria Magdalena von der Asseburg (s. u. Epitaph). – Gemalter Altaraufsatz, Taufe Christi in einer architektur-illusionistischen Rahmung, 1774 von M. Bähr (sign.). – Taufe, sechsseitiger Sandsteinpokal mit Brustbildern der Evangelisten und der hl. Saturnina, sign. Simon von Gißen1585. – Geschnitzte Kanzel mit bewegten Statuetten der Evangelisten und Kirchenväter, 1731, 1746/47 gefasst; bis 1958 im nördl. Mittelschiff. – Gestühl auf der Frauenempore mit Äbtissinnensitz, 1728. – Zwei Beichtstühle, 1755/56. – Im westl. Nordseitenschiff prachtvolles geschmiedetes Eisengitter, zugehörig einer Werkgruppe niedersächsischer Gitter u. a. in Hildesheim, Domkrypta sowie im Roemer- und Pelizaeus-Museum, Braunschweig, Dom, Grabmal Heinrich des Löwen, sp. 12. oder 1. H. 13. Jh.; sie zählen zu den ältesten schmiedeeisernen Gittern in Deutschland. Neben vegetabilen Endungen urspr. auch Vögel. Ehem. mit Aufsatz und farbig gefasst; 2004/05 rest. Urspr. Aufstellung unklar (Krypta?). – Orgel, bez. 1713, Farbfassung nach 1719, Andreas und Bernhard Matthias Reinecke zugeschrieben, gestaffelter Prospekt mit bekrönenden Figuren; 1964–66 Fassung nach Befund erneuert, Rückpositiv frei rekonstruiert. Deswegen der Gemäldezyklus Christus mit den Aposteln an die untere Empore versetzt. – Kruzifix, Korpus mit geflochtener Dornenkrone und Resten aufgeklebten Haares, Weichholz, 2. V. 15. Jh., Inkarnat mit Blutmalen 1962 freigelegt; Kreuzbalken jünger, mit Inschriftentafel des 16. Jh. Ehem. in der Marktkirche in Paderborn (1784 abgebrochen), seit 1843 in Heerse. – Kruzifix, Holz, A. 18. Jh., Corpus weiß und gold gefasst; charakteristisch für das Werk von Gertrud Gröninger. – Pietà, Lindenholz, 1. H. 18. Jh., Fassung jünger. – Gekreuzigter, Holz, 2. H. 18. Jh. – Opferstock, bez. 1604, mit Gemälde, 18. Jh. (?). – Zahlreiche Grabplatten aus Stein und Metall, meist 17. und 18. Jh.; Die älteste aus Sandstein mit Ritzzeichnung für die Äbtissin Haseke von Spiegelberg († 1465); aufwendig für Äbtissin Maria Magdalena von der Asseburg († 1776) mit Sandsteinplatte und aus Kupfer getriebenem Epitaph. – Große Zinnleuchter bez. 1618. – Glocke, 13. Jh., mit geritzten Buchstaben Alpha und Omega. – Im Kapitelsaal Kirchenschatz. – An der Ostseite der Lambertikapelle Kruzifix, Sandstein, 1. H. 18. Jh., 1746/47 neu gefasst.
Sog. Damensattel, steinerner Sitz auf der nördl. Kirchhofmauer, auf den der Erbmarschall die neue Äbtissin nach der Inthronisation am Grab der Walburga hob als symbolischer Akt der Besitzergreifung. 1738 erneuert.

Ihre Nachricht zum Objekt

Sie haben Informationen oder Fragen zu diesem Objekt?