OESTRICH / Kath. Pfarrkirche St. Martin

OESTRICH / Kath. Pfarrkirche St. Martin, Ansicht von Süd-Westen, Aufnahme: 1971, Foto Marburg / Jeiter, Michael
Kath. Pfarrkirche St. Martin. Spätgotische, in Teilen neugotisch überformte Hallenkirche mit malerischem Außenbau innerhalb eines ehem. befestigten Kirchhofs. – Als Sitz des Dekans für das Landkapitel Rheingau vermutlich die Urpfarrei des Rheingaus. Laut Schriftquellen von 1493, zwischen 975 und 1011 dem Mainzer St. Viktorstift inkorporiert. Fundamente eines dreischiffigen romanischen Baus mit leicht eingezogener Ostapsis 1964 und 1994/95 in Teilen festgestellt; an dieses südl. der bestehende Turm 1. H. 12. Jh. angefügt. Das heutige Schiff mit dem Triumphbogen an der Stelle des Apsisbogens des romanischen Vorgängers um 1508 (bez. am Südportal). 1635 ausgebrannt und teilzerstört, Wiederaufbau mit Flachdecken anstelle der Gewölbe. 1890–93 durch L. Becker umfassend rest. (u. a. Ergänzung des Treppenturms im Westen, der östl. Chornebenräume und anderer Details am Außenbau sowie Empore und Sterngewölbe im Innern). Nach Brand 1963 der Turmhelm in alter Form erneuert.
Dreischiffiges, vierjochiges Hallenlanghaus auf annähernd quadratischem Grundriss. Der Chor aus zwei Jochen und 3/6-Schluss breiter als das Mittelschiff und mit jeweils zwei gewölbten Nebenräumen an Süd- und Nordseite: südl. die alte Sakristei, nördl. die zum Chor und zum nördl. Seitenschiff durch Bogen geöffnete Marienkapelle und östl. davon eine Beichtkapelle. Auf dem Chordach barocker Haubendachreiter. Am Langhaus das Hauptdach mit Schildgiebeln in Längsrichtung über Mittelschiff und nördl. Seitenschiff; das südl. Schiff jochweise mit Querdächern mit Schildgiebeln. Der in die beiden östl. Joche des südl. Seitenschiffs halb einschneidende Turm durch Ecklisenen mit Bogenfriesen gegliedert, in den beiden Obergeschossen nach Westen gekuppelte Klangarkaden mit Mittelsäulen und Würfelkapitellen; Spitzhelm mit vier Wichhäuschen; Turmkeller und Erdgeschoss kreuzgewölbt. Am Westjoch beider Seitenschiffe Portale unter überwölbten Vorhallen mit Zwerchgiebeln zwischen den Streben (die südl. bez. 1508, rest. 1893). Rundbogiges Westportal mit reichen Überstabungen in Rechteckrahmen mit eingezogenem dreieckigem Auszug (ab Kämpferhöhe neugotisch).
Das Innere in guten Proportionen. Über schlanken kämpferlosen Achteckpfeilern das 1890–93 neugeschaffene Sterngewölbe nach den erhaltenen Gewölbeanfängern rekonstruiert, dabei z. T. die erhaltenen spätgotischen Rippenkreuzungsstücke eingefügt. Massive breite Westempore mit Maßwerkbrüstung. – Heiliges Grab, um 1400, Sandstein, in querrechteckiger vergitterter Wandnische mit Kielbogen Statuen der drei Frauen und im Nischenboden eingelassen Relief des Leichnams Christi, an der Tumba unterhalb der Nische in Relief dargestellt die schlafenden Wächter. Am Bogen Stifterwappen des Petrus zum Jungen und seiner Ehefrau, einer von Falckenberg. – Piscina mit Maßwerk im Tympanon. – In Chor und Schiff szenische Farbglasfenster nach Entwurf von G. Stein, in den 1960er Jahre beg. und 1971 vollendet. – Die alte Sakristei mit Kreuzrippengewölbe, im Schlussstein reliefierte Rose, Tür mit spätgotischem Beschlag. – Die nördl. Chorseitenkapelle (Marienkapelle) sterngewölbt, im Schlussstein Vesperbild; in den beiden Medaillonfenstern, um 1500, der Kirchenpatron St. Martin und das Ortswappen.
Ausstattung. Zwei Altarretabel aus der Sammlung Münzenberger: Im neugotischen Hochaltarschrein sechs z. T. spätgotische Statuen unterschiedlicher Herkunft aus der Sammlung des Frankfurter Pfarrers Münzenberger: hl. Barbara (?), Johannes d. T., Gregor und Bonifatius, alle um 1500, eine hl. Katharina, um 1520, und ein hl. Abt, neugotisch. In der nördl. Seitenkapelle Marienaltar um 1500 aus der Dorfkirche Gernewitz (Thüringen) mit Maria zwischen den hll. Barbara und Katharina, auf den Flügeln Anna Selbdritt und hl. Joachim (im 19. Jh. stark rest.). – Annenaltar, um 1720, Aufsatz in schwarzem Lahnmarmor, vollplastische Darstellung hl. Anna, Maria unterweisend. – Im Triumphbogen Kreuzigungsgruppe, Christus und Maria 19. Jh., Johannes um 1500. – Taufstein aus schwarzem Marmor, M. 18. Jh. – Kanzel mit den Evangelisten neugotisch. – Erbärmdebild, Kruzifix aus Sandstein, 2. H. 14. Jh., Korpus mit überkreuzten Händen als Relief, ähnlich dem im Heiligen Grab (vor 1965 in der >> Kapelle an der Hallgartener Straße, dort jetzt eine Kopie). – An der inneren Turmwand zum Schiff überlebensgroße qualitätvolle Nikolausfigur, Holz, um 1730 (nach Restaurierung der Fassung 1895 außen vor der Westfront aufgestellt, seit der Außenrenovierung 1969–71 im Innern). – Unter den barocken Grabdenkmälern zu nennen die Grabplatte der Gottesthaler Äbtissin Maria Dorothea Ludwig von Blumencron († 1714).
Von der Kirchhofbefestigung Mauerreste und eine kleine romanische Pforte zur Burggasse erhalten. Auf dem Kirchhof Kreuzigungsgruppe unter barockem Schutzdach, Kruzifix 1678, Assistenzfiguren 1510/20 mit ergänzten, vielleicht 1678 hinzugefügten Köpfen.

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