WINDBERG / Pfarr- und Klosterkirche Mariä Himmelfahrt und St. Sabinus
Pfarr- und Klosterkirche
Mariä Himmelfahrt und St. Sabinus. Baubeginn um 1140, Weihe der Altäre in den drei Apsiden
schon 1142. Die Vollendung des Langhauses und
der Portale hat sich bis etwa 1230
hingezogen.Turm Mitte 13. Jh., Oktogonaufbau 1685. Abt Albert von Perching (1436–61)
begann die Gotisierung der Kirche mit Einwölbung des Langhauses und der
Querarme (einschließlich Vierung?). Unter Abt Bernhard
Strelin (1735–77) aus Landau wurde das Innere im Geschmack
des Rokoko verändert. Die Arbeiten begannen im Chorraum unter maßgeblicher
Beteiligung des Laienbruders Fortunat
Simon.
Stuckaturen von
Mathias Obermayr, Straubing. Letzte
durchgreifende Renovierung 1966–71.
Romanischer Bau
Dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querschiff, Nebenchören und
Dreiapsidenschluss.
Äußeres nahezu unverändert im ursprünglichen Zustand. Hervorragend
sorgfältiges Mauerwerk aus geglätteten Granitquadern. Über den Ostjochen der
Nebenchöre waren Türme beabsichtigt, worauf Ansätze im Mauerwerk deuten. Der
ausgeführte Turm steht ungewöhnlicherweise über dem Ostjoch des nördlichen
Seitenschiffes. Unterer Teil aus Quaderwerk, weniger sorgfältig wie an den
älteren Teilen der Kirche; oberste Geschosse verputzt. Kuppelhaube. Am
Langhaus ist die ursprüngliche Abfolge der Lichtöffnungen (zugesetzt) noch
kenntlich;
Geigenkastenfenster
Mitte 18. Jh. eingebrochen. An der Hauptapsis Bogenfries auf
Profilkonsolen, an der erhaltenen südlichen Nebenapsis Zahnschnittfries.
Portale
um
1220/30. Sie sind der einzige betonte Schmuck der Kirche.
Das größere Westportal zweifach gestuft mit eingestellten Säulen, als
Archivolten fortgesetzt über der reich ausgezierten Kapitellzone. Zusätzlich
zwei seitliche Freisäulen, deren südliche im 19. Jh. erneuert wurde.
Tympanonrelief von handwerklich-derber Prägung: Vor der thronenden Madonna
zwischen Sonne und Mond knien seitlich anbetend ein Mann und eine Frau (die
Stifter?). Über dem Portal, auf die ganze Fassadenbreite verteilt, sieben
maskengeschmückte Kragsteine. Sie deuten an, dass hier, wie bei St. Peter
>> Straubing, eine Vorhalle bestand oder geplant war.
Das kleinere Nordportal nur einmal gestuft, mit Säulenpaar und Wulst. Am
Sturz flach geschnittenes Flechtband; äußere Kämpferblöcke erneuert. Das
Tympanonrelief zeigt den Schwertkampf eines Menschen mit dem Löwen, ein
Motiv, das ähnlich an der Straubinger Peterskirche vorkommt.
Inneres. Trotz spätgotischer und spätbarocker Veränderungen vermittelt sich
noch klar der romanische Charakter des Kirchenraumes. Langhaus und
Querschiff ursprünglich flachgedeckt. Bedeutsam die Disposition des
Sanktuariums nach Hirsauer Schema, ähnlich wie in der ca. dreißig Jahre
früher begonnenen Anlage von Prüfening und der Klosterkirche >>
Biburg, beg. 1132. Das tonnengewölbte Chorquadrat öffnet sich mit zwei
ungleich weiten Arkaden zu den Nebenchören. Diese umfassen je ein
breitrechteckiges und ein quadratisches Joch mit Kreuzgewölbe; die
Nebenapsiden (nördliche 1804 abgebrochen) liegen gleich mit der Hauptapsis.
Die Barockisierung sonderte durch Einbauten den Hauptchor ab. Unverwischt
blieben die romanischen Formen im südlichen Nebenchor erhalten. Hier ist
unter der Tünche auch der sorgfältige Quaderverband sichtbar.
Pfeilervorlagen mit teilweise fein profilierten Kämpfern zur Aufnahme der
breiten Trennungsgurte. Im Langhaus acht Arkaden, Pfeiler leicht
tiefrechteckig. Das ursprüngliche Profil der Kämpfer am ersten und letzten
Pfeilerpaar z. T. erhalten, von den Emporen einsehbar. Wölbung des
Mittelschiffes und der Querarme spätgotisch; Seitenschiffsgewölbe
1887
durch
Flachdecken ersetzt, wohl in der
Absicht einer Wiederannäherung an den romanischen Zustand.
Barockisiertes Inneres
Die Mittel zur Renovierung waren knapp. Im Wesentlichen begnügte man sich mit
einer Dekoration der romanischen Raumschale unter Beibehaltung der gotischen
Gewölbe (Rippen abgeschlagen). Beträchtlich die Eingriffe im Presbyterium.
Die Hauptapsis erhielt große Fenster zur Anpassung an den neuen Hochaltar;
der Einbau von Kredenzaltären und einer Empore über dem Chorgestühl riegelte
den Hauptchor samt Vierung gegen die Nebenchöre und die Querarme ab. Das
Ostjoch im Nordseitenschiff dürfte schon im Zuge des spätromanischen
Turmbaus abgemauert worden sein. Die entsprechende Abtrennung im
Südseitenschiff erfolgte wohl erst im 18. Jh.
Stuckaturen von Obermayrum 1755. Sie setzen sparsame aber treffsichere Akzente. An den
Gewölbeanfängern Rocaillekartuschen, belebt von Blüten und Früchten;
Puttenbüsten mit Mitra und Birett. Den auf die Pfeiler verteilten Zyklus
gemalter Kreuzwegstationen fasste Obermayr in üppigen Rocaillerahmen, an denen die
naturalistisch vorgewiesenen Leidenswerkzeuge und Passionssymbole
auffallen.
Fresken
1755 laut Renovierungsinschrift am Mittelschiffsgewölbe.
Meister unbekannt. Derb-gefällige Arbeiten. Mittelschiff: Verkündigung an
die Hirten und Anbetung, Zug der Hll. Drei Könige und Anbetung. Himmelfahrt
Mariens, in zwei Bildern auf Chorquadrat und Vierung verteilt. In den
Querarmen die Aufbahrung und Glorie des hl. Norbert. An den Hochschiffwänden
rötlich-monochrome Bilder in gemalten Rokoko-Rahmen: Szenen aus dem Leben
prämonstratensischer Heiliger. Auffällig das aus der Mariensymbolik gewählte
Motiv des Sterns, der an den Gewölbezwickeln und vielen anderen Stellen der
Kirche wiederkehrt, dominant an der Hochaltar-Anlage.
Ausstattung
Hochaltar
1735–45 von dem hiesigen Laienbruder Fortunat Simon aus Wertingen. Die mit Goldbrokat
ausgemusterte Hauptapsis ist genutzt als Schale der einkomponierten
Baldachinanlage, marmoriert und vergoldet. Konsolen tragen gewundene
Wandsäulen mit Gebälkstücken. Die krönenden Volutenbügel bleiben an die
Apsiskalotte gebunden. Effektvolle Belichtung durch seitliche
Rundbogenfenster. Scheitelfenster gelb verglast zur Auszeichnung der
Holzfigur Madonna mit Kind (M.
17. Jh.) im Strahlenkranz; rahmend eine Vorhangdraperie und
Baldachinhimmel. Zwischen den äußeren Säulenpaaren große
Schnitzfiguren des legendären
Einsiedlers Wilhelm und des Grafen Albert
von Bogen, beide in lebhafter Bewegung herantretend. Der Graf
weist den Stiftungsbrief vor. Die Gesamtanlage sichtlich beeinflusst von
Altarschöpfungen der Asam. –
Tabernakel
um 1760 von Obermayr. Die
einbezogene
Dreifaltigkeitsgruppe
um 1700, wohl von Johann Gottfried
Frisch.
Kredenzaltäre von Frater Fortunat Simon. Von ihm auch das
Chorgestühl, prachtvoll intarsiert. Über dem
Gestühl wurden um 1755 schmale
Holzemporen eingezogen, die balkonartig in
den Schmaljochen der Nebenchöre und im ersten Langhausjoch fortgesetzt sind.
Auf den Balustraden Schnitzfiguren der vier lateinischen Kirchenväter, von
Obermayr. –
Portalrahmungen der Durchgänge zu den
abgemauerten östlichen Seitenschiffjochen, wohl aus älteren Altarteilen
(um 1720/30) adaptiert.
Seitenaltäre an den zweiten und dritten
Langhauspfeilern, als Paare in Stuck ausgeführt.
Sabinus- und Ägidiusaltar bez.: M(athias) Obermayr inv. et gypsopl. 1756.
Hauptwerke des Straubinger Meisters. Buntfarbig getönte Reliefs, in
Freiplastik übergehend. Das tektonische Gerüst, weißpoliert, ist
aufgebrochen und als Handlungsrahmen der Reliefszenen figuriert. Fassungen
stark erneuert.
Sabinusaltar. Der hl. Bischof von Assisi wurde in einer Gerichtsverhandlung
zum Götzendienst herausgefordert. Er stürzte eine Jupiterstatue; dafür
werden ihm die Hände abgeschlagen.
Ägidiusaltar. Der Westgotenkönig Wamba verfolgte als Jäger eine Hirschkuh,
die sich zu dem hl. Einsiedler flüchtete. Auch dieser wird durch ein
Versehen getroffen und so entdeckt. Der König erbaut ihm später das Kloster
St. Gilles.
Katharinenaltar. Die in Wolken schwebende Heilige zwischen Büchergestellen,
Hinweis auf die Gelehrsamkeit der alexandrinischen Königstochter, die
fünfzig heidnische Philosophen widerlegte. Unten einer der Philosophen und
das vom Blitz getroffene Marterinstrument.
Dorotheenaltar. Die Heilige schwebt über dem paradiesischen Garten, der im
Winter Rosen und Äpfel hervorbringt. Der Advokat Theophilus hatte Dorothea
auf ihrem Weg zur Enthauptung höhnisch aufgefordert, ihm solche Gaben aus
dem Paradies zu schicken. Unten der Jüngling, der vor der Hinrichtung als
Sendbote erscheint. Die Parklandschaft im Vordergrund als Grotte
aufgebrochen; rahmende Pfeiler als Brunnen gestaltet.
Würdigung der Seitenaltäre. Eine Verfeinerung plastischer Details lag nicht
in der Absicht des Künstlers: Die Stuckaltäre sollen als malerische
Kompositionen wirken. Bei wechselndem Streiflicht des
Mittags/Frühnachmittags entfalten sie ein eigentümliches Leben. – Dehio hat
die Altäre als „geistreich verwildert“ bezeichnet. In der süddeutschen
Rokoko-Plastik gibt es keine vergleichbaren Beispiele derart farbiger
Legendenschilderung. Selbst die Grausamkeit des Martyriums erscheint
aufgehoben in einer poetischen und zugleich kindhaft-direkten Bildwelt.
Verschiedene Motive lassen Einflüsse von Werken der Augsburger Druckgraphik
erkennen.
Weitere Ausstattung.
Kanzel dat.
1674,
Fassung bei der Rokoko-Umgestaltung der Kirche angeglichen. Ebenso die
Brüstung der Orgelempore. –
Taufstein im südl. Nebenchor, um
1230/40, wohl unter Regensburger Einfluss. Granit. Auf vier derb
gemeißelten Bestien das leicht konische Becken. Umlaufend Säulenarkaden mit
Relieffiguren der zwölf Apostel, sitzend. –
Schnitzfigur des hl. Norbert als Sieger über den Irrlehrer
Tanchelin von Antwerpen, im nördl. Nebenchor. Vorzügliches Werk von
M. Obermayr, um
1760.
Sakristei. Flach gedeckter Saal zu drei Achsen.
Deckenfresken
1725 von Joseph Rauscher aus
Aicha. Prächtige
Schrankausstattung von
Fortunat Simon, dat.
1722 und 1723. Sprenggiebelbekrönungen mit
filigran geschnitztem Akanthusornament.
