WUSTERHAUSEN/DOSSE / Ev. Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul
Ev. Stadtpfarrkirche St.
Peter und Paul. Stattlicher spätgotischer Backsteinbau
mit älteren Feldsteinteilen; dreischiffige kreuzrippengewölbte
Hallenkirche mit kurzem Hallenumgangschor unter einheitlichem Dach und
gedrungenem, von niedrigen Seitenhallen eingefasstem Westquerturm. Auf Nord-
und Südseite des Chors je ein zweigeschossiger Kapellenanbau. Am
südl. Langhaus Marienkapelle.
Baugeschichte.
Der Vorläuferbau, ein vermutlich
einschiffiger und kreuzförmiger, sorgfältiger Feldsteinquaderbau
aus der M. 13. Jh. oder kurz danach, im
Bereich des ehem. Querschiffs teilweise bis kurz über den
Fenstersohlbänken erhalten (Nordseite). Mit der Errichtung der beiden
unteren Geschosse des Westturms im späten 13.
Jh. ein erster Umbau beg. und die Schiffsmauern in die Flucht der
Turm- und Querschiffstirnwände herausgerückt; um 1300
Planänderung mit Anfügung der beiden repräsentativen
Turmportale, zunächst Ausbau zur dreischiffig basilikalen Anlage,
ablesbar noch an den vermauerten niedrigen Lanzettfenstern in den
Seitenschiffswänden. In 1. H. 14. Jh. erstes Turmgeschoss mit
Backsteinblenden ausgeführt. Im Verlauf des späten 14. Jh. Umbau zur dreischiffigen Halle in Backstein,
das zugehörige Dachwerk um 1406 (d). Die Einwölbung nach Inschrift
auf dem östl. Mittelschiffsgewölbe vor 1422 abgeschlossen. Der Umgangschor nach dem Vorbild der Stadtkirche in >> Pritzwalk
(geweiht 1441) in Backstein zusammen mit zwei schmalen Chorkapellen
errichtet, Chordachwerk um 1443 (d), inschriftlich 1474 gewölbt, 1479
geweiht. Um 1486 (d) südl. die Marienkapelle angefügt, bald danach Vollendung des Turmes.
Rest. innen 1964–72, Turmhalle 1991–95.
Baugestalt
Der frühgotische Turm dreigeschossig, mit schiffsbreitem, dreigliedrigem
Feldsteinunterbau. Ungewöhnlich die beiden auf Nord- und Südseite
gegenüberliegenden Backsteinportale der Seitenhallen in
Rechteckvorlagen; gestufte, gratig profilierte Gewände, am Nordportal
Kapitelle mit Blattwerk aus Formsteinen, im Süden gekehlte
Kämpferzone. Nach Westen großes vierbahniges Spitzbogenfenster.
Das ebenfalls in Feldstein errichtete erste Obergeschoss auf ungefähr
quadratischem Grundriss eingezogen. Auf drei Seiten gegliedert durch je zwei
große Doppelblenden aus Backstein. Das zweite Obergeschoss des Turms in
Mischmauerwerk wohl spätgotisch, mit hohen gereihten Backsteinblenden,
nach Turmeinsturz 1764 reduziert, das niedrige Zeltdach Notdach aus dieser
Zeit. – Das Langhaus schlicht gegliedert mit absatzlosen
Strebepfeilern und hohen dreiteiligen Fenstern; unter der Traufe
Maßwerkfries. Die sukzessiven Umplanungen deutlich sichtbar an
Materialwechsel und zugesetzten Öffnungen. Auf der Nordseite –
im Bereich der Querschiffstirnwand des Vorläufers – großes
frühgotisches Feldsteinportal, stumpf spitzbogig mit dreifach gestuftem
Gewände. Die seitlichen, offenbar aus derselben Zeit stammenden
Strebepfeiler vermutlich im Hinblick bereits auf eine Einwölbung der
frühgotischen Kirche angelegt. Nach Einbau der Emporen im 18. Jh.
kleine Ochsenaugen unter die Schiffslanzetten eingefügt. – Der
Chor bildet mit den zweigeschossig den Langchor begleitenden, nur im
Obergeschoss mit großen Fenstern versehenen Kapellen ( >>
Pritzwalk) eine einheitliche Baugruppe. Die südl. Chorkapelle entgegen
urspr. Planung im weiteren Verlauf des 15. Jh. aufgestockt. Am Umgang hohe
dreiteilige Lanzetten mit unterschiedlich profiliertem Gewände zwischen
kräftigen Strebepfeilern. – Auf der Südseite des Langhauses
die annähernd quadratische, zweijochig gewölbte Marienkapelle.
Neben dem breiten, drei- und vierteiligen Fenster Stichbogen- und
Kreisblenden; darüber streng gegliederter Staffelgiebel.
Innen. Der Turm dreigliedrig; in der Turmhalle das hohe, 1764 zerstörte
Kreuzgewölbe mit Birnstabrippen, 1991/95 rekonstruiert. Zu den
Seitenhallen und zum Mittelschiff mit breiten, stumpfen Spitzbögen
geöffnet. Die Seitenhallen unvollständig, mit offenem Pultdach
gedeckt, urspr. ebenfalls zur Kirche geöffnet.
Der weite Kirchenraum geprägt durch den Kontrast zwischen der sparsamen
Architektursprache des Schiffs und den reicheren plastischen Formen des
durch schwere Pfeilermassive abgeschnürten Chors. Der Gegensatz
hervorgehoben durch die 1965–72 hergestellte unterschiedliche Fassung
der Architekturglieder und Rippen, die sich im Langhaus grau, im Chor rot
gegen die weißen Wand- und Gewölbeflächen absetzen. Im kurzen
dreijochigen Langhaus verrät die unregelmäßige Jochbildung
und Pfeilerform noch die Integrierung des Querschiffs des Vorläufers.
Das westl. Paar der Quadratpfeiler aus Feldstein, das zweite aus Backstein
mit eingezogenen Ecken, ebenso die Wandvorlagen an der ehem.
Querschiffostwand. Die leicht nach Innen gezogenen Strebepfeiler durch
Schildbögen verbunden; die flachen Rechteckvorlagen mit Runddiensten
stehen im Widerspruch zur ausgeführten Kreuzrippenwölbung mit
einheitlich gebildeten Diagonal- und Gurtrippen. – Der
breiträumige Chor ebenfalls von Planwechseln gezeichnet. Die
auffällig vielgliedrigen Binnenpfeiler (gestufte Pfeiler mit
eingestellten Birnstäben) und Wandvorlagen des Langchors (flach mit
Runddiensten, ähnlich wie im Langhaus) nicht für die
ausgeführte Wölbung bestimmt; diese einheitlich mit dem unter dem
Eindruck von >> Pritzwalk vollendeten Chor (polygonaler, außen
fünffach, innen dreifach gebrochener Umgang mit achteckigen Pfeilern),
aber in der Gewölbeaufteilung ohne die Sicherheit des Vorbildes.
– Die den Chor flankierenden gewölbten Anbauten im Erdgeschoss
weitgehend von der Kirche abgeteilt (Sakristei bzw. Vorraum), das helle
Obergeschoss (Bibliothek bzw. Kalandkapelle) jeweils durch zwei Bögen
zur Kirche geöffnet.
Die Marienkapelle vom Seitenschiff durch eine große Bogenöffnung zu
betreten, die angeblich ehem. zu einem bereits im 13. Jh. dem Querschiff
angegliederten Anbau führte. Lichter, zwei schmale Joche tiefer Raum;
Birnstabrippengewölbe über Konsolen.
Reste spätgotischer
Wandmalerei:
An zwei
Schiffspfeilern Enthauptung der hl. Katharina, sp. 15. Jh., und
Maria Magdalena in Renaissancekostüm, um 1520/30. An der
Ostwand des Umgangs hl. Anna selbdritt in gemaltem Rahmen, 4. V. 15.
Jh. Im östl. Mittelschiffsgewölbe Reste von
Groteskenmalereien, dat. 1422, im Gewölbefeld des
Binnenchors vier Männerköpfe in Art von Drolerien mit
Entlüftungsrohren als Mundstück, 2. H. 15. Jh., am
Schlussstein Blumendekor.
Ausstattung
Raumprägend und von herausragender Qualität die A. 17. Jh. im bei
der Umwandlung zur Querkirche erfolgten Einbauten im Langhaus: Am mittleren
südl. Langhauspfeiler prächtige
Kanzel in reichen Spätrenaissanceformen, 1610
geschnitzt von J. Fischer, sein
Selbstbildnis am Treppenaufgang, 1694 von M.
Mewes bemalt. Am Korb über Paulusbüste die Figuren
Christi und der Apostel in Architekturnischen zwischen schlanken
Ecksäulchen, am hohen zweigeschossigen Schalldeckel die
Kardinaltugenden und Halbfiguren der Evangelisten, bekrönt von Pelikan.
Im nördl. Seitenschiff
Empore, die
architektonisch gegliederte Brüstung mit reichem
Spätrenaissancedekor, in den Füllungen 21 Gemälde
außergewöhnlicher Qualität, um 1600 aus der
Werkstatt des Niederländers H.
Goltzius?, Schilderung der Lebens- und Leidensgeschichte
Christi, am Ostende Pfingsten und Jüngstes Gericht.
Altaraufbau aus Holz, 1776
im Chorscheitel eingefügt, unter Ummantelung der beiden östl.
Chorpfeiler durch eine Pilasterarchitektur. Auf dem großen Altarblatt
Gemälde „Der Auferstandene erscheint seinen Jüngern“
von Chr. B. Rode. Im Aufsatz
Grisaillemalerei mit Putten als Allegorien der christlichen Tugenden,
abschließend Strahlenglorie.
Taufstein
1712, sechseckiger Kelch auf rundem Fuß, mit
Puttenköpfen zwischen Akanthuslaubwerk an der Kuppa; die große
Messingtaufschale zugehörig.
Chorgestühl (unvollständig) 3. V. 15.
Jh., auf den Seitenwangen halblebensgroße Relieffiguren von
Stephanus und Bartholomäus, Petrus und Maria mit Fassungsresten, die
südl. Handknäufe mit Darstellung von Patriziern um 1470.
Ratsgestühl
1610/20 mit zierlichem Gitterwerk;
ähnlich
das
Kastengestühl
im Schiff. An der
Orgelempore mit
Dockenbrüstung ausgezeichnete Schnitzereien von 1575
wiederverwendet, darin u. a. das landesherrliche und das städtische
Wappen, an der Südseite Gemälde der vier Evangelisten aus
derselben Zeit.
Orgel
1742 von J. Wagner mit
schönem Prospekt.
„Gotteskasten“ mit reichen Beschlägen,
17.
Jh.
Drei barocke
Kronleuchter aus
Messing.
Zwei
Pastorenbilder des
18. Jh. Hölzernes
Wandepitaph für Paul Schütte
(†1570), zweigeschossig mit zwei Gemälden, oben
Himmelfahrt, das untere zerstört. Guter, überlebensgroßer
Kruzifixus
und trauernder
Johannes von einer
Triumphkreuzgruppe, E. 15. Jh. Im südl.
Chorumgang vorzügliches
Wandgrabmal
für Otto Albrecht v. Rohr
(†1736), Sandstein, in der Art des J. G. Glume d. Ä., mit den Figuren der
Fama und des Chronos zu seiten eines Obelisken-Aufsatzes, 1975 aus der
aufgegebenen Kirche zu >> Ganzer hierher umgesetzt.
In der Marienkapelle: Thronende
Maria mit
Kind, Holz, um 1420.
Inschriftgrabstein für Andreas
Falckenthal (†1722). Bewegtes
Grabdenkmal
Joh. A. Werkenthin (†1747) mit
Putten und zwei allegorischen Figuren in Relief. – Außen mehrere
verwitterte Grabsteine des 18. Jh.

